In Deutschland ist der Wunsch, auch im Alter in den eigenen vier Wänden zu bleiben, weit verbreitet, doch die Hürden sind hoch: Mangel an barrierefreien Wohnungen, wenige betreute Wohnangebote, demografischer Wandel und Fachkräftemangel. Ein Blick ins Ausland zeigt, wie andere Länder diese Herausforderungen meistern.
Japan: Roboter und smarte Sensoren in der Pflege
Japan, bekannt für seine Technikaffinität, setzt seit Jahrzehnten auf Roboter in der Industrie. Nun sollen sie auch in der Pflege helfen. Forscher der Waseda-Universität in Tokio haben den Prototypen AIREC vorgestellt, einen 150 Kilogramm schweren Pflegeroboter, der Patienten im Bett wenden, beim Aufstehen helfen, Socken anziehen und sogar Rührei zubereiten kann. Allerdings ist AIREC noch nicht im Alltag einsetzbar, sondern wird nur testweise genutzt.
Bis Pflegeroboter in die Wohnungen einziehen, setzt Japan auf Ambient Assisted Living (AAL). Dazu gehören klassische Alarmmelder für Notfälle, Wasser, Rauch und Herd sowie moderne Sensoren, die Bewegungen erfassen, Stürze erkennen oder ungewöhnliche Liegepositionen melden. KI-gesteuerte Sprachassistenten geben Anleitungen und rufen im Notfall Hilfe. Smarte Küchengeräte wie ein Wasserkocher melden sich per E-Mail, wenn sie morgens benutzt werden – ein Zeichen, dass der Bewohner wohlauf ist.
Mehr Kompetenzen für Pflegefachkräfte: Das Beispiel Community Health Nurses
Trotz aller Technik erkennt auch Japan: Pflege braucht Menschen. Eine von der Stiftung Münch (heute Rhönstiftung) finanzierte Studie des Teams um Michael Ewers von der Charité Berlin untersuchte die Pflegesysteme in den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und Kanada. Yvonne Lehmann, Pflegewissenschaftlerin im Team, betont: „Wir sehen – nicht nur an den Ergebnissen unserer Studie, sondern auch bei weiteren Forschungen in Europa –, dass die Übertragung von mehr Kompetenzen und Eigenverantwortung an entsprechend qualifizierte Pflegefachkräfte ein wesentlicher Schlüssel für mehr Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung ist.“
Der Schlüssel liegt in der Ausbildung: „Deutschland ist momentan das einzige Land in Europa, in dem Pflegefachkräfte ihren Beruf nach wie vor überwiegend in einer dreijährigen Ausbildung lernen“, so Lehmann. „Überall sonst sind es drei, vier Jahre dauernde Bachelor-Studiengänge.“ In vielen Ländern können Pflegekräfte nach dem Studium eine Weiterqualifizierung für die Gemeinde- oder Primärversorgung absolvieren. Als Community Health Nurses arbeiten sie Hand in Hand mit Hausärzten, führen Anamnesen durch, haben Zugriff auf die elektronische Patientenakte, überwachen chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder COPD, passen Therapien an, stellen Rezepte aus und übernehmen die Wundversorgung. Ein Arzt wird nur hinzugezogen, wenn die Pflegefachkraft unsicher ist oder bestimmte Symptome auftreten.
Prävention und sorgende Gemeinschaften
Community Health Nurses übernehmen eine präventive und stabilisierende Rolle. Sie beraten Patienten und Angehörige, sind in lokale Netzwerke eingebunden und organisieren Unterstützung. „Alles ist darauf ausgelegt, dass die Menschen so spät wie möglich pflegebedürftig werden und so lange wie möglich im häuslichen Umfeld bleiben können“, erklärt Lehmann.
Dazu tragen auch „Caring Communities“ bei – solidarische Nachbarschaftsnetzwerke, die bürgerschaftliches Engagement mit professionellen Hilfsangeboten verbinden. Pflegeheime gibt es viel weniger, dafür alternative Wohnkonzepte. In Finnland etwa richten Pflegefachkräfte in ihrem Zuhause Wohngemeinschaften für bis zu sechs Pflegebedürftige ein. In Belgien und den Niederlanden gibt es Pflegebauernhöfe, auf denen Landwirte mit ihren Familien Menschen mit Unterstützungsbedarf einen sinnvollen Wohn- und Lebensraum bieten.
Während Deutschland über ein Primärarztsystem diskutiert, setzen andere Länder auf Primärversorgungssysteme, in denen Hausärzte und qualifizierte Pflegende zusammenwirken. Der Blick ins Ausland zeigt: Mit besserer Ausbildung, mehr Kompetenzen für Pflegekräfte und präventiven Ansätzen lässt sich die Pflege zukunftsfähig gestalten.



