Japan als Vorbild für Pflegereform: Wie Deutschland von Tokio lernen kann
Japan als Vorbild für Pflegereform

Die Pflegepläne von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken sorgen für heftige Diskussionen. Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Bremen, bezeichnete die Pläne als „Katastrophe“. Vorgesehen sind unter anderem höhere Belastungen für Heimbewohner und strengere Kriterien für die Anerkennung von Pflegegraden. In der Regierungskoalition zeichnet sich der nächste Streit ab: Wie soll Deutschland mit der alternden Gesellschaft und dem Milliardendefizit in den Pflegekassen umgehen?

Japan als Frühwarnsystem für alternde Gesellschaften

Ein Blick nach Japan zeigt, wie andere Länder mit ähnlichen Herausforderungen umgehen. Nirgendwo altert die Gesellschaft schneller als im Reich der aufgehenden Sonne: Fast drei von zehn Personen sind dort 65 Jahre oder älter – in Deutschland sind es rund 23 Prozent. „Japan fungiert gewissermaßen als ‚Frühwarnsystem‘ für andere alternde Gesellschaften“, sagt Vincent Lesch, Japanologe an der Universität Heidelberg, der im Rahmen eines internationalen Forschungsverbunds die gesellschaftlichen Folgen der Alterung in Japan untersucht. Auf Deutschland kämen noch viel höhere Kosten zu als derzeit.

Pflegeausgaben im Vergleich: Japan und Deutschland

Laut OECD gibt Japan 2,4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für das Pflegesystem aus – ähnlich wie Deutschland. Ein wesentlicher Unterschied: In Deutschland entfällt ein deutlich höherer Anteil der Kosten auf private Haushalte. Das hängt mit der Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 2000 zusammen, die bewusst professionelle Pflegeleistungen förderte statt finanzieller Anreize für familiäre Pflege. Ziel war es auch, die Last von Frauen zu reduzieren, die statistisch häufiger häusliche Pflege leisten.

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Prinzip „Aging in Place“ und Prävention

Japan setzt auf das Prinzip „aging in place“: Menschen sollen möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung leben können, unterstützt durch Heimbesuche und Tageszentren. Diese öffentlich finanzierten Dienste werden von Wohlfahrtsverbänden bis hin zu NGOs ehemaliger Sumoringer erbracht. Im Gegensatz zu Deutschland legt Japan großen Wert auf Prävention und Datenanalyse. „Das öffentliche System sammelt standardisierte Daten zu funktionalen Fähigkeiten, Ernährung, Rehabilitation und Verlauf“, erläutert Lesch. Diese Daten werden regelmäßig ausgewertet und an die Einrichtungen zurückgespielt, um regionale Unterschiede und Verbesserungsmöglichkeiten frühzeitig zu erkennen.

Bekämpfung stiller Killer: Einsamkeit und Demenz

Seit einigen Jahren bezieht Japan auch zwei stille Killer der Alterung in die Prävention ein: Einsamkeit und Demenz. Das erst vor kurzem eingerichtete Einsamkeitsministerium hat die Herausforderung des Alleinseins im Alter noch nicht gelöst. Allein 2024 starben laut Polizei gut 76.000 allein lebende Personen in ihren Wohnungen, mehr als drei Viertel davon Seniorinnen. Dennoch ist das Land dabei, das Phänomen durch Datenerhebung besser zu verstehen.

Weiter fortgeschritten ist Japan beim Thema Demenz. Die Regierung rechnet damit, dass bis 2040 rund 5,8 Millionen Menschen betroffen sein werden. Als Reaktion wurden 15 Millionen ehrenamtliche „Demenzunterstützer“ ausgebildet, die Grundkenntnisse im Umgang mit Betroffenen erwerben. „Darüber hinaus existierten im vergangenen Jahr 2025 schon 8558 Demenzcafés, die in 91,4 Prozent aller Kommunen angeboten wurden“, berichtet Lesch. Dieser Ansatz habe Vorbildcharakter.

Fachkräftemangel auch in Japan

Trotz der Fortschritte steht auch Japans Pflegesystem vor wachsenden Herausforderungen. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften steigt, da das Land die Pflege bewusst aus der Familie herausgelöst hat. Bis 2040 werden voraussichtlich 2,8 Millionen Pflegekräfte benötigt – knapp 700.000 mehr als derzeit im Sektor arbeiten. Japan, traditionell skeptisch gegenüber Einwanderung, ist dennoch auf ausländische Pflegekräfte angewiesen.

Ein Vorteil des japanischen Systems: Da Pflegearbeit nicht auf Familienangehörige zurückfällt, können diese in anderen Sektoren arbeiten. In Deutschland hingegen wäre bei einer Rückkehr zu stärker familienbasierter Pflege – wie von Warken angedeutet – ein erhöhter Arbeitskräftemangel in anderen Bereichen zu erwarten.

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