In vielen Pflegeheimen in Deutschland steigen die Temperaturen in den Zimmern auf über 30 Grad, vereinzelt sogar auf mehr als 35 Grad. Für die rund 800.000 Pflegeheimbewohner wird dies zur Qual. Sie leiden unter Kreislaufproblemen, Schlafstörungen und Atemnot. Besonders bettlägerige oder an Demenz erkrankte Menschen können der Hitze nicht ausweichen. Viele trinken zu wenig, was zu lebensgefährlichen Komplikationen führen kann.
Klimaanlagen in Pflegeheimen und Kliniken Mangelware
Ausgerechnet in Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlen häufig Klimaanlagen und moderne Kühlsysteme. Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) zeigt sich entsetzt: „Jedes teure Hotel ist klimatisiert, viele Intensivstationen nicht.“ Laut einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts sind nur 38 Prozent der Krankenzimmer klimatisiert. In jeder dritten Klinik gibt es nicht einmal in der Notaufnahme eine Kühlung. Selbst Intensivstationen sind teilweise nicht mit Klimaanlagen ausgestattet.
Patientenschützer schlagen Alarm
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisiert die Zustände scharf: „Wieder leiden viele der 800.000 Pflegeheimbewohner unter den extremen Temperaturen.“ Er fordert, dass Bestandsbauten endlich den klimatischen Bedingungen angepasst werden müssen. In Nordrhein-Westfalen mussten in Seniorenheimen in Dormagen und Krefeld zahlreiche Bewohner wegen Gesundheitsproblemen aus überhitzten Gebäudebereichen evakuiert werden. Die Temperaturen erreichten bis zu 35 Grad. Mindestens zehn Bewohner mussten medizinisch versorgt werden.
Forderungen nach mehr Tempo bei der Nachrüstung
Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, fordert mehr Tempo bei der Nachrüstung: „Ein Problem ist die Anpassung der baulichen Situation.“ Die Einrichtungen wollten bei Neu- und Umbauten alle Möglichkeiten wie Klimatisierung oder Verschattung mitdenken, doch solche Maßnahmen müssten in den Investitionskostenverhandlungen mit Kommunen und Ländern berücksichtigt werden. „Das passiert leider noch nicht“, so Meurer.
Bundesregierung räumt Defizite ein
Die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Katrin Staffler (CSU), verweist auf den Einsatz der Pflegekräfte: „Bei akuter Hitze helfen Maßnahmen wie morgens stoßlüften, Räume verdunkeln und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten.“ Gleichzeitig räumt sie ein, dass es an Geld für die Nachrüstung mit Klimaanlagen fehlt. „Langfristig werden viele Einrichtungen in baulichen Hitzeschutz investieren müssen. Hier sind insbesondere die Einrichtungen in der Verantwortung und die Bundesländer mit einer Beteiligung an den Investitionskosten.“
Patientenschützer kritisieren „reinen Aktionismus“
Eugen Brysch wirft Bund und Ländern „reinen Aktionismus“ vor: „Die Papiere und Konzepte enden dort, wo der Patientenschutz Geld und Personal kostet.“ Er fordert verbindliche Investitionen noch in diesem Jahr. Bei Neubauten dürfe es in den Räumen künftig nicht wärmer als 25 Grad werden. Auch die Grünen fordern ein Abkühl-Sofortprogramm für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen mit solarbetriebenen Klimaanlagen. Fraktionschefin Katharina Dröge wirft der Bundesregierung vor, nichts für den Hitzeschutz der Bevölkerung zu tun.
Die Realität dieses Hitzesommers zeigt: Während Hotels, Bürogebäude und Einkaufszentren längst klimatisiert sind, sitzen viele Pflegebedürftige in stickigen Zimmern und kämpfen mit der Hitze – ohne Möglichkeit zu entkommen.



