Der deutsche Einzelhandel leidet massiv unter der Konkurrenz chinesischer Onlineplattformen wie Temu und Shein. Laut einer Analyse von IW Consult im Auftrag des Handelsverbands Deutschland (HDE) entgehen dem Einzelhandel jährlich Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Verluste, inklusive Vorleistungen wie Mieten, Energie und Löhne, belaufen sich sogar auf rund fünf Milliarden Euro.
Arbeitsplatzverluste und Steuerausfälle
Die Studie, die auf einer repräsentativen Umfrage unter 4000 Verbrauchern zwischen 16 und 69 Jahren basiert, zeigt alarmierende Folgen: Bereits über 40.000 Arbeitsplätze sind in Deutschland durch Temu und Shein verloren gegangen, die meisten im Einzelhandel. Marco Trenz, Ökonom am Institut der Deutschen Wirtschaft, erklärt: „Wenn es Temu und Shein nicht gäbe, würde ein Großteil der Käufe im deutschen Einzelhandel getätigt, was mehr Beschäftigte erfordern würde.“ Zudem entgehen Bund, Ländern und Kommunen jährlich bis zu 420 Millionen Euro an Steuereinnahmen, da Lohn-, Gewerbe- und Körperschaftsteuer ausbleiben.
Verbraucherverhalten und Wettbewerbsverzerrung
Die Umfrage ergab, dass 51 Prozent der Temu- und Shein-Nutzer die Produkte zum gleichen Preis woanders gekauft hätten, falls die chinesischen Plattformen nicht verfügbar wären. 19 Prozent wären sogar bereit, mehr zu zahlen. Dies unterstreicht die Wettbewerbsverzerrung, die durch die günstigen Preise der Plattformen entsteht. Laut HDE versendeten Temu und Shein 2025 täglich 460.000 Pakete nach Deutschland.
Politische und regulatorische Reaktionen
Politiker, Handelsvertreter und Verbraucherschützer fordern strengere Regulierungen. Die EU plant ab November eine neue Bearbeitungsgebühr für jedes aus Drittstaaten importierte Paket, zusätzlich zu den geplanten Zollgebühren. Ab Juli soll für Pakete mit einem Wert bis 150 Euro vorübergehend eine Abgabe von drei Euro gelten. Langfristig sollen alle Importe ab dem ersten Euro zollpflichtig werden. Die EU-Kommission untersucht zudem mögliche Verstöße von Temu und Shein gegen das Gesetz über digitale Dienste. Das Bundeskartellamt prüft, ob Temu unzulässige Preisvorgaben für Händler macht.
Stellungnahmen der Plattformen
Ein Temu-Sprecher betont, die Plattform ermögliche tausenden traditionellen Unternehmen den Zugang zu globalen Kunden und unterstütze sie bei Umsatzsteigerung und Schaffung von Arbeitsplätzen. Shein kontert, die Konkurrenz zum Sündenbock zu stempeln, sei keine ernsthafte Strategie. Über 600 deutsche Unternehmen verkauften über Shein, und das Unternehmen habe in den letzten drei Jahren Hunderte Millionen Euro Steuern in Deutschland gezahlt.
Die wirtschaftlichen und politischen Diskussionen um die Auswirkungen der chinesischen Onlinehändler werden sich angesichts der geplanten Regulierungen und der anhaltenden Marktdynamik weiter verschärfen.



