Tankstellen in der Krise: Hohe Spritpreise führen zu massiven Problemen
Es klingt paradox, ist aber die aktuelle Realität: Je höher die Spritpreise steigen, desto schlechter geht es den Tankstellenpächtern in Deutschland. Die wirtschaftliche Situation hat sich so zugespitzt, dass nun Entlassungen von Angestellten und kürzere Öffnungszeiten für Kunden drohen.
Berliner Pächter spricht über existenzielle Sorgen
Steven Gröbler (39), der seit fünf Jahren eine Tankstelle an der Reichsstraße in Berlin-Charlottenburg betreibt, versüßt seinen Kunden die hohen Spritrechnungen mit Fruchtbonbons. „Das senkt das Aggressionspotenzial“, erklärt der gelernte Kfz-Mechaniker. Doch die wirtschaftliche Zukunft sieht alles andere als süß aus. Mit seinen zehn Mitarbeitern hat er bereits über drohende Entlassungen gesprochen.
„Das Kaufverhalten hat sich grundlegend geändert“, berichtet Gröbler. „Früher hat ein Kunde für 80 Euro getankt und zusätzlich Cola, Kaugummi und einen Schokoriegel gekauft. Jetzt zahlt er weit über 100 Euro für Sprit allein und kann sich nichts mehr im Shop leisten.“ Sein Umsatz mit Nebenprodukten ist bereits um 25 Prozent zurückgegangen.
Shop-Umsätze als entscheidender Faktor
Das grundlegende Problem der Tankstellenpächter: Die Einnahmen aus dem Spritverkauf gehen nahtlos an die Mineralölgesellschaften. Die Pächter erhalten lediglich eine feste Provision pro Liter, die zwischen 0,8 und 1,23 Cent liegt und unabhängig vom Verkaufspreis ist.
„Diese Provision ist bei mir vierstellig“, erklärt Gröbler. „Davon kann ich nur einen Mitarbeiter, Strom, Kassenbonrollen und mir selbst etwas zahlen. Alles andere, insbesondere das weitere Personal, muss der Shop-Umsatz einbringen.“ Bislang entfielen bei ihm nur 8 Prozent des Gewinns auf die Sprit-Provision, während satte 92 Prozent aus dem Nebengeschäft des Shops stammten.
Besonders betroffene Regionen und Branchenaussichten
Besonders dramatisch ist die Situation für die 50 bis 70 deutschen Tankstellen in Richtung der polnischen Grenze. Ihre bisherige Kundschaft steht nun Schlange vor den deutlich günstigeren Tankstellen im Nachbarland.
Hans-Joachim Rühlemann (75), Vorstand vom Tankstellenverband Nordost (VGT), bestätigt die prekäre Lage: „Ganz klar wird es Entlassungen geben“. Schon seit der Anhebung des Mindestlohns hätten Tankstellenpächter mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen.
Die Konsequenzen sind bereits spürbar: „Viele Kollegen machen jetzt statt um 6 erst um 7 Uhr auf und hören abends um 21 Uhr auf, obwohl 22 Uhr vereinbart war“, so Rühlemann. „Wenn es so weitergeht, gehe ich davon aus, dass demnächst nur noch zehn Prozent der Tankstellen nachts geöffnet haben.“
Veränderte Mobilität und Zukunftsperspektiven
Ein weiterer Faktor ist die sinkende Kundenfrequenz. Rühlemann erklärt: „Die Leute machen nur noch die notwendigsten Fahrten mit dem Auto, nehmen eher das Rad oder öffentliche Verkehrsmittel.“
Der Branchenexperte geht davon aus, dass Tankstellen, insbesondere in Randlagen, in wenigen Jahren unbemannt sein werden: „Die Zukunft sind Automaten-Tankstellen mit einem kleineren Sortiment im Shop. Dort öffnen sich die Türen mit EC-Karte und man kommt erst wieder raus, wenn alles bezahlt ist.“
Persönliche Betroffenheit der Mitarbeiter
Oxana (39), die seit zweieinhalb Jahren an der Tankstelle von Steven Gröbler arbeitet, äußert ihre Sorgen: „Vorher war ich vier Jahre bei McPaper – schon danach musste ich drei Monate suchen, bevor ich diese Arbeit fand. Jetzt einen neuen Job zu suchen, das ist noch schwerer.“
In Berlin gibt es derzeit rund 360 Tankstellen, bundesweit sind es etwa 14.000. Die aktuelle Entwicklung betrifft somit tausende Beschäftigte und Unternehmer in ganz Deutschland.



