Der SoftRAM-Bluff: Ein teures Placebo für Windows-Nutzer
Als Windows 95 Mitte der 1990er-Jahre auf den Markt kam, stiegen die Anforderungen an die Heimcomputer spürbar an. Gleichzeitig war zusätzlicher Arbeitsspeicher teuer und für viele Nutzer eine erhebliche Investition. In dieser Situation versprach eine Software namens SoftRAM eine einfache und günstige Lösung – und wurde zu einem unerwarteten Verkaufserfolg, der sich später als großer Betrug entpuppte.
Die Ausgangslage: Teure Hardware-Upgrades
Zeitungen berichteten damals ausführlich, dass das neue Betriebssystem Windows 95 deutlich mehr Speicher benötigte als frühere Versionen. Auf älteren Rechnern drohten erhebliche Leistungseinbußen, doch ein komplett neuer PC kostete rund 3000 D-Mark. Selbst eine einfache Speichererweiterung schlug mit 200 bis 500 Mark zu Buche – für viele Privatanwender eine kaum zu stemmende Summe.
Das vermeintliche Wundermittel: SoftRAM
1995 erschien zunächst in den USA SoftRAM für Windows 3.1. Für nur 30 US-Dollar sollte das Programm den vorhandenen Arbeitsspeicher verdoppeln, ohne dass neue Hardware erforderlich war. Mehr als 100.000 Exemplare wurden allein von dieser Version verkauft, obwohl die technische Umsetzung kaum nachvollziehbar war.
Nach der Umbenennung des Unternehmens in Syncronys folgte SoftRAM95 speziell für Windows 95. In Deutschland kostete die Software stolze 170 D-Mark, doch rund 600.000 Käufer griffen trotzdem zu. Das Unternehmen wurde sogar an der US-Börse gehandelt, und der Aktienkurs erreichte zeitweise 32 US-Dollar.
Die technische Überprüfung entlarvt den Betrug
Der große kommerzielle Erfolg rief jedoch bald Skeptiker auf den Plan. Computer-Fachredakteure untersuchten SoftRAM95 im Detail und machten eine verblüffende Entdeckung: Das Programm enthielt keinen Code, der Daten komprimierte oder den physischen Arbeitsspeicher tatsächlich vergrößerte.
Stattdessen manipulierte SoftRAM lediglich die Auslagerungsdatei auf der Festplatte, das sogenannte Swapfile. Diese Einstellung ließ sich auch manuell ohne zusätzliche Software anpassen. Die grafischen Anzeigen, die eine Leistungssteigerung suggerieren sollten, hatten keinerlei technische Grundlage und dienten lediglich der Täuschung der Nutzer.
Der dramatische Zusammenbruch von Syncronys
Nach der Veröffentlichung der entlarvenden Recherchen geriet das Unternehmen massiv unter Druck. Syncronys reagierte mit Klagen gegen Kritiker und „Geld zurück“-Angeboten, doch das Vertrauen von Investoren und Kunden war nachhaltig erschüttert.
1998 meldete Syncronys mit rund fünf Millionen US-Dollar Schulden Insolvenz an. 2006 setzte das renommierte Magazin „PC World“ SoftRAM95 auf die Liste der „drittschlechtesten technischen Produkte aller Zeiten“. Firmengründer Rainer Poertner zog sich später aus dem Computergeschäft zurück und leitet heute einen Finanzdienstleister in den USA.
Der SoftRAM-Fall bleibt als warnendes Beispiel für Software-Betrug in den 1990er-Jahren in Erinnerung – ein teures Placebo, das zehntausende Nutzer täuschte und letztlich zum Untergang eines ganzen Unternehmens führte.



