Ein Jahrhundert Luftfahrt: Lufthansa zwischen Triumph und historischer Verantwortung
Ein monumentales Flugzeug schiebt sich behäbig in Richtung der Startbahn. Im Inneren schnallen sich Hunderte Passagiere an, klappen die kleinen Tische vor sich hoch. Ein Moment der Stille, dann beginnt die Beschleunigung. Das leise Surren der Triebwerke verwandelt sich in ein mächtiges Dröhnen, der Koloss löst sich vom Boden und steigt in den Himmel auf. Was für viele Reisende heute zur Routine gehört, hat eine lange und komplexe Geschichte – eine Geschichte, die die Lufthansa nun in ihrem 100. Jahr reflektiert.
Die Gründung und die ersten Flüge
Vor genau einem Jahrhundert, am 6. Januar 1926, entstand durch den Zusammenschluss von Junkers Luftverkehr und Deutscher Aero Lloyd die erste "Luft Hansa". Nur vier Monate später, am 6. April 1926, startete vom Flughafen Berlin-Tempelhof aus der erste Linienflug mit einem Fokker-Grulich Hochdecker über Halle-Erfurt-Stuttgart nach Zürich. Dies markierte den Beginn einer Ära, die das Reisen für immer verändern sollte.
Das dunkle Kapitel der NS-Zeit
Doch die lange Geschichte der Lufthansa ist nicht nur von technischen Meilensteinen geprägt. Während der NS-Diktatur wurde das Unternehmen Teil des Regimes, profitierte von staatlichen Subventionen und kooperierte eng mit führenden Nationalsozialisten. Besonders schwer wiegt die Tatsache, dass Tausende Zwangsarbeiter unter diskriminierenden und menschenverachtenden Bedingungen für die Lufthansa arbeiten mussten, darunter auch sogenannte "Rüstungsjuden". Das heute neu gegründete Unternehmen (seit 1953) betont auf seiner Website, dass es sich um eine Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel bemüht – das 100-jährige Jubiläum soll dabei als weiterer Anlass dienen.
Die Jubiläumsfeier in München: Zwischen Stolz und Erinnerung
Im Lufthansa-Hangar am Flughafen München fand die zentrale Jubiläumsfeier statt. Auf einem großen Zeitstrahl wurden an zwei Punkten auch die NS-Verstrickungen erwähnt – wenn auch eher am Rande. In den Hauptreden von Vorstandschef Carsten Spohr und dem prominenten Gast, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), standen dagegen die Erfolge im Vordergrund: 850 Flugzeuge in der gesamten Flotte, davon 140 in München stationiert, 110.000 Mitarbeiter weltweit und die Tatsache, dass der Flughafen München 2026 seinen einmilliardsten Passagier begrüßen konnte – 37 Jahre früher als ursprünglich prognostiziert.
Söder betonte die Bedeutung des Flughafens als internationales Drehkreuz: "Warum sind hier viele amerikanische Unternehmen? Warum sind chinesische Unternehmen hier? Warum entstehen Start-ups? Weil man hier direkte Flüge hat. Insofern mehr, mehr, mehr. Mehr Lufthansa tut Bayern gut und mehr Bayern macht die Lufthansa schöner und erfolgreicher." Zum Abschluss überreichte Spohr dem Ministerpräsidenten ein Modellflugzeug für sein Büro.
Zukunftspläne und politische Fragen
Für die 2030er-Jahre plant Lufthansa den weiteren Ausbau des Münchner Flughafens mit dem sogenannten "T-Stiel". Doch eine politische Frage bleibt offen: Wird der neugewählte Münchner Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) den Platz seines Vorgängers Dieter Reiter (SPD) im Aufsichtsrat der Flughafen München GmbH einnehmen? Die Grünen stehen dem Flugverkehr bekanntlich kritischer gegenüber als CSU und SPD. Der Flughafen äußerte sich dazu vorsichtig: Die Landeshauptstadt München benennt zwei der insgesamt 16 Aufsichtsratsmitglieder, die dann durch die Gesellschafterversammlung gewählt werden. Ob Krause tatsächlich Einfluss auf die Flughafenentscheidungen nehmen wird, ist somit noch unklar.
Hinter den Rednern in der großen Lufthansa-Halle stand während der Feier ein echter Airbus A350-900 – ein Koloss in Dunkelblau und Weiß, verziert mit dem typischen Kranich, dem Logo des Unternehmens, das nun seit 100 Jahren die Lüfte erobert. Ein Symbol für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Luftfahrtlegende, die sich ihrer historischen Verantwortung stellen muss, während sie gleichzeitig in die Zukunft blickt.



