Zirkusfamilie Ortmann kämpft zwischen Applaus und Existenzängsten um ihr Überleben
Zwischen tosendem Applaus, explodierenden Kosten und nagenden Existenzängsten: Zirkuschef Roberto Ortmann kämpft täglich um sein Publikum – und um das Überleben seines kleinen Familienzirkus Circus Adagio. Seit Freitag gastiert der 40-Jährige mit seiner Familie an der Klosterruine in Boitzenburg, gelegen zwischen Prenzlau und Templin in der Uckermark.
Gestiegene Kosten zwingen zu längeren Gastspielen
„Normalerweise bleiben wir eine Woche, in diesem Jahr zwei“, erklärt Ortmann die ungewöhnlich lange Spielzeit an einem Ort. Vor allem die massiv gestiegenen Kosten treiben ihn zu dieser Entscheidung. Nicht nur die Spritpreise reißen ihm ein tiefes Loch in den Geldbeutel, sondern auch die Energie- und Gaskosten haben sich dramatisch erhöht. Zudem sind die Preise für Werbematerialien in die Höhe geschnellt. „Wenn wir zwei Wochen bleiben, zahlen wir die Kosten für den jeweiligen Standort und die Platzmiete nur einmal“, erläutert der Zirkuschef die wirtschaftliche Logik hinter dieser Maßnahme.
Von der großen Dynastie zum kleinen Familienbetrieb
Roberto Ortmann stammt aus einer bedeutenden Zirkusdynastie. „Ich bin Zirkuskind in der siebenten Generation, mein Sohn Carlo (19) und meine Tochter Salima (9) sind mittlerweile schon die Achte.“ Zusammen mit seinen Eltern betrieb der 40-Jährige einst den Mecklenburgischen Landescircus Humberto. Während der Coronapandemie durften die Artisten jedoch nicht gastieren. „Das war eine extrem schwere Zeit. Leider konnten wir den ganz großen Betrieb nicht mehr aufrechterhalten. Langjährige Mitarbeiter kehrten nicht mehr in die Manege zurück, sie wechselten zu anderen Betrieben mit sichereren Arbeitsplätzen.“
Die Ortmanns entschieden sich daher 2022, mit dem kleinen Circus Adagio selbstständig zu werden. „In der Saison unterstützen uns viele Freunde beim Auf- und Abbau und während der Show“, erzählt er. In den vergangenen Jahren sind sie alle zu einer großen, erweiterten Familie zusammengewachsen.
Krankheiten bringen den Betrieb zum Stillstand
Die Familie Ortmann konnte auch im vergangenen Jahr auf die Unterstützung von Familie und Freunden zählen, als sich das Blatt plötzlich wendete und sie sieben lange Monate lang nicht gastieren konnten.
Der 19-jährige Sohn Carlo, der schon als Dreijähriger davon träumte, mit seinem Opa die Löwen zu bändigen und der mit seiner Akrobatik und Jonglage ein fester Bestandteil der Show war, brach plötzlich nach einer Vorstellung in den Armen seines Vaters zusammen. Nicht nur Carlo kämpfte mit einer schweren Krankheit, sondern auch Roberto selbst erkrankte. Heute blickt die Familie wieder nach vorn, doch die Erinnerungen bleiben. „In der Zirkuswelt gibt es immer Höhen und Tiefen“, sagt der Familienvater nachdenklich.
Leere Plätze und wirtschaftliche Herausforderungen
Derzeit fällt es der Familie schwer, das kleine Unternehmen wirtschaftlich zu führen. Zur Premiere am Freitag in Boitzenburg blieben viele Plätze leer, doch die Familie hofft, dass sich in den nächsten Tagen herumspricht, dass der Zirkus im Dorf ist. „Wir freuen uns, dass wieder mehr junge Leute zu uns kommen. Sie sehnen sich nach Live‑Unterhaltung, auch Pärchen ohne Kinder. Es macht uns stolz, dass unser Programm wieder jüngeres Publikum anspricht.“
Artistik und Clownerie statt großer Tiernummern
Das Programm im Familienzirkus beinhaltet vorwiegend Akrobatik und Clownerie. Roberto Ortmann hat sich auf Handakrobatik spezialisiert. „Das wollte ich schon als kleiner Junge machen. Ein Artist aus Tschechien hat es mir beigebracht. Die Tellernummer habe ich mir von meinem Vater abgeschaut. Meine Frau arbeitet als Luftakrobatin, genauso wie unsere Salima.“
So bietet die Familie dem Publikum einiges. „Auch wenn wir keine großen Nummern im Programm haben, lassen wir unsere Besucher staunen, unterhalten sie und sorgen für viel Spaß.“ Tiere treten in der Manege hingegen kaum auf.
Nur wenige Tiere aus praktischen Gründen
Dass die Familie nur Ponys, Hunde und Tauben zeigt, hat nichts mit dem Vorwurf von Tierschützern zu tun, Tiere gehörten nicht in den Zirkus. „Wir hätten gern viel mehr Tiere, aber aus Personalgründen ist das nicht möglich“, erklärt Ortmann. Manche Spielorte eignen sich außerdem nicht dafür, mit vielen Tieren anzureisen. „Mit unseren paar Tieren kommen wir überall gut unter.“
Roberto Ortmann erinnert sich gern an die Zeit, in der Tiere im Zirkus eine größere Rolle spielten. „Mein Vater hat 37 Jahre mit Raubtieren aller Art gearbeitet, und mein Großvater trat in den größten Zirkuszelten mit Schimpansen auf. Wir haben unsere Tiere immer gut behandelt, hielten die Pferde in Freiboxen, als andere sie noch angebunden hatten. Wir setzten auf Weidezäune und Auslaufgehege für die Tiere.“
Weitere Stationen und neue Projekte
Von Boitzenburg geht es nach Prenzlau. Der Circus Adagio gastiert bis zum 26. April in Boitzenburg. Das Ensemble spielt am Donnerstag, Freitag und Samstag um 16 Uhr, am 19. April um 14 Uhr und am 26. April um 11 Uhr. Anschließend stellt die Zirkusfamilie ihr Zelt in Prenzlau auf und zeigt dort vom 30. April bis 10. Mai ihr Programm.
Im Sommer bietet der Zirkus erstmals ein Feriencamp in Greifswald an, das ein fünftägiges Ganztagsprogramm für Kinder ab sechs Jahren beinhaltet. „Danach geht es auf die Insel Rügen“, freut sich Roberto Ortmann, der in seinem ganzen Leben noch keinen richtigen Urlaub gemacht hat und dennoch voller Hoffnung in die Zukunft blickt.



