Münchens historische Wein-Renaissance: Erstmals wieder Reben auf Stadtgebiet nach Jahrhunderten
München war einst eine bedeutende Weinstadt – dann verschwand der Weinbau für mehrere Jahrhunderte komplett. Jetzt wagt ein engagierter Verein den mutigen Neustart: In Obermenzing werden wieder Reben gepflanzt. Schon in wenigen Jahren könnte der erste echte Münchner Stadtwein seit dem Mittelalter im Glas landen und die Stadt an ihre vergessene Tradition anknüpfen.
Vom Marienplatz zum modernen Weinbau: Eine historische Rückkehr
Dass die Münchner Bevölkerung gerne Wein trinkt, ist allgemein bekannt. Die meisten Weine stammen allerdings aus klassischen Anbaugebieten wie Italien, Frankreich oder Spanien. Regionale Weine aus Franken erfreuen sich zwar großer Beliebtheit, doch ein echter Wein aus München selbst wäre eine absolute Sensation. Der neu gegründete Weinbauverein Menzing hat sich genau dieses ambitionierte Ziel gesetzt und startet bereits an diesem Wochenende mit den ersten Pflanzungen.
Im Mittelalter war München tatsächlich eine blühende Weinstadt. Historischen Aufzeichnungen zufolge wurden damals Reben kultiviert, und der Marienplatz diente sogar als zentraler Umschlagplatz für den Weinhandel. Noch heute zeugen historische Kelleranlagen in der Münchner Altstadt von dieser vergangenen Epoche. Dann beendete die sogenannte Kleine Eiszeit im 17. und 18. Jahrhundert den Weinbau in der Landeshauptstadt abrupt – bis jetzt.
Moderne Rebsorten machen das Comeback möglich
Die klimatischen Bedingungen haben sich verändert, und die Forschung hat enorme Fortschritte gemacht. „Ein entscheidender Faktor sind die modernen Rebsorten“, erklärt Vereinsvorsitzender Christian Dauber im ausführlichen Gespräch. Diese robusten Neuzüchtungen machen den Weinanbau im städtischen Raum Münchens wieder realistisch und praktikabel.
Der Weinbauverein wurde Ende 2024 mit klarer Vision gegründet. Bereits in der ersten Mitgliederversammlung formulierten die engagierten Mitglieder ihr ambitioniertes Ziel: ein eigenes Weinfeld auf Münchner Stadtgebiet. Nach intensiver Suche fand man in Obermenzing eine geeignete Anbaufläche und erhielt die notwendige Genehmigung von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.
Souvignier Gris: Die perfekte Rebsorte für Münchner Verhältnisse
Nun müssen die Trauben für den ersten Münchner Wein seit Jahrhunderten nur noch wachsen und gedeihen. „Wir pflanzen ungefähr 1000 Reben“, so Dauber mit sichtlicher Vorfreude. Ab Samstagfrüh werden sie fachmännisch in die Erde gesetzt. „Heute hat es schon einmal geregnet“, berichtet der Vorsitzende am Freitag. Für das Wochenende ist Sonnenschein angekündigt – bessere Startvoraussetzungen für das historische Projekt sind kaum vorstellbar.
Als Rebsorte kommt die moderne Züchtung „Souvignier Gris“ zum Einsatz. Diese Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Bronner gilt als besonders widerstandsfähig gegen Pilzkrankheiten und liefert selbst in feuchteren Jahren stabile und zuverlässige Erträge. Aus Sicht des Vereins ist dies die ideale Sorte für die spezifischen klimatischen Bedingungen im Münchner Raum.
Nachhaltiger Anbau und zukünftige Perspektiven
Der steinige Boden und die vielen Sonnentage machen München zu einem potenziell hervorragenden Weinanbaugebiet, erläutert Dauber mit fachlicher Expertise. Geschmacklich erinnert „Souvignier Gris“ an renommierte Burgundersorten wie Grau- oder Weißburgunder. Bis sich die ersten charakteristischen Geschmacksnuancen des Münchner Weins professionell beurteilen lassen, wird es allerdings noch einige Zeit dauern.
Auch der Ertrag dürfte in der Anfangsphase zunächst überschaubar bleiben. „Es handelt sich um ein innovatives Pilotprojekt“, betont Dauber nachdrücklich. Besonders wichtig ist den rund 100 aktiven Mitgliedern ein möglichst nachhaltiger und umweltfreundlicher Anbau nach modernsten ökologischen Standards. In zwei bis drei Jahren könnte der erste historische Münchner Stadtwein fließen – und München wäre zumindest ein Stück weit wieder die Weinstadt, die sie einst im Mittelalter war.



