Der DAX hat in der vergangenen Woche einen Befreiungsschlag erzielt und stieg um 4,5 Prozent auf ein neues Rekordhoch. Am Montag baute der deutsche Leitindex diesen Rekord weiter aus und näherte sich der Marke von 26.000 Punkten. Diese Entwicklung überraschte vor allem Privatanleger, wie die aktuelle Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt. Institutionelle Investoren hingegen hatten bereits auf steigende Kurse gesetzt, was die Lage an der Börse verkompliziert.
Stimmungsaufhellung trotz Skepsis
Für das Dax-Sentiment befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen bis Samstagabend mehr als 10.000 Privatanleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Auswertung erfolgt durch Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, der die Daten um weitere Indikatoren ergänzt. Die aktuelle Auswertung zeigt eine deutliche Verbesserung der Anlegerstimmung: Der Sentiment-Index stieg von minus 1,3 Punkten in der Vorwoche auf plus 3,8 Punkte und nähert sich damit dem Bereich der Euphorie, der bei vier Punkten beginnt. 41 Prozent der Befragten sehen den DAX aktuell in einem Aufwärtstrend, verglichen mit nur neun Prozent in der Vorwoche.
Doch der plötzliche Kursanstieg kam für viele Umfrageteilnehmer unerwartet. Die sogenannte Selbstzufriedenheit, die misst, ob sich die Erwartungen der Anleger erfüllt haben, liegt mit plus 1,0 Punkten für einen derart starken Kurssprung relativ neutral. Dies deutet darauf hin, dass viele Anleger nicht mit dem Rekord gerechnet haben.
Zukunftserwartung sinkt – Investitionsbereitschaft steigt
Besonders auffällig ist der Widerspruch zwischen Zukunftserwartung und Investitionsbereitschaft. Die Zukunftserwartung, die angibt, welche Marktphase die Teilnehmer in drei Monaten erwarten, fiel von plus 0,7 auf minus 0,3 Punkte. „In einer ersten Reaktion wird der Kurssprung offensichtlich als technische Reaktion, als fundamental nicht gerechtfertigt, ja vielleicht sogar als Fehler interpretiert“, sagt Stephan Heibel. Gleichzeitig stieg die Investitionsbereitschaft von plus 0,9 auf plus 1,9 Punkte.
Eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch ist, dass Anleger auch Absicherungen gegen fallende Kurse (Short-Positionen) als Investition werten. Laut einer separaten Umfrage von AnimusX unter seinen Kunden ist die Short-Quote in den vergangenen 20 Jahren nur 16-mal ähnlich hoch wie aktuell gewesen. Auch das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt, dass Privatanleger zuletzt deutlich mehr Put-Optionen kauften, die bei fallenden Kursen im Wert steigen, als Call-Optionen, mit denen auf steigende Kurse gesetzt wird.
Institutionelle Investoren als Gegenpol
„Bereits seit Mitte Juni überwiegt die Nachfrage nach Absicherungsprodukten. Wir können daher davon ausgehen, dass Privatanleger keine Angst vor fallenden, wohl aber vor steigenden Kursen haben könnten“, erklärt Heibel. Grundsätzlich ziehen hohe Short-Positionen ein Sicherheitsnetz am Aktienmarkt ein: Fallen die Kurse, werden die Absicherungen eingelöst, was den Kursverfall bremst. Steigen die Kurse dagegen, verlieren die Absicherungen an Wert und werden aufgelöst, was den Kaufdruck verschärft.
Doch diesmal sei die Lage komplexer, so Heibel. Denn institutionelle Investoren, die an der europäischen Terminbörse Eurex handeln, setzen bereits auf steigende Kurse. „Institutionelle Anleger verhalten sich also diametral unterschiedlich zu Privatanlegern“, sagt Heibel. Wenn Profianleger bereits stark investiert seien, könnten sie keine Rally mehr lostreten: „In der Regel verschieben institutionelle Anleger deutlich größere Summen als Privatanleger. Damit fällt es mir schwer, kurzfristig an eine Fortsetzung der Rally zu glauben, ohne dass neue Trigger für neues Kaufinteresse sorgen.“
Ausblick: Geduld statt Panik
Umgekehrt bieten die Short-Positionen der Privatanleger dem DAX eine gewisse Absicherung bei fallenden Kursen. Doch auch hier gibt Heibel zu bedenken: „Es ist nicht auszuschließen, dass die Kurse nach einer kleinen Widerstandsphase dann doch nach unten durchrutschen.“ Eine Richtungsentscheidung müsse durch neue Ereignisse ausgelöst werden. Sein Fazit: „Ich würde die aktuelle Sentimentverfassung als unterstützend bezeichnen, kurzfristig gibt es aber keine Trigger für steigende Kurse. Geduld ist gefragt, übertriebene Vorsicht wäre jedoch genau das: übertrieben.“



