Analyse: Späterer Renteneintritt könnte 106 Milliarden Euro bringen
Späterer Renteneintritt: 106 Milliarden Euro Potenzial

Eine neue Analyse des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) zeigt ein enormes wirtschaftliches Potenzial durch längeres Arbeiten. Würde die Regelaltersgrenze auf 70 Jahre angehoben, könnte die jährliche Wirtschaftsleistung in Deutschland um bis zu 106 Milliarden Euro steigen. Das geht aus einer exklusiven Analyse hervor, die der Redaktion vorliegt.

Die zentralen Ergebnisse der Analyse

Verfasst wurde die Studie von vfa-Chefvolkswirt Claus Michelsen und der Arbeitsmarktökonomin Vanessa Bammert. Sie berechneten das theoretische Potenzial einer Anhebung der Regelaltersgrenze auf 70 Jahre. Demnach könnten rund 1,6 Millionen Menschen im Alter zwischen 66 und 69 Jahren zusätzlich arbeiten, was knapp 800.000 Vollzeitstellen entspricht. Unter Annahme einer durchschnittlichen Produktivität würde das Bruttoinlandsprodukt rechnerisch um 2,4 Prozent oder 106 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Für Staat und Sozialversicherungen ergäben sich Mehreinnahmen von über 40 Milliarden Euro, darunter knapp 30 Milliarden Euro zusätzliche Sozialbeiträge.

Die Autoren betonen jedoch, dass es sich um das maximal erreichbare Potenzial handelt. Derzeit wird lediglich eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters diskutiert.

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Debatte um Rentenreform

Die Analyse erscheint mitten in der Debatte über eine Reform der gesetzlichen Rente. Erst vor wenigen Tagen hatte die Alterssicherungskommission ihre Empfehlungen vorgelegt. Sie schlägt vor, das Renteneintrittsalter künftig an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Nach derzeitigen Annahmen würde die Regelaltersgrenze dadurch um rund sechs Monate pro Jahrzehnt steigen. Gleichzeitig betont die Kommission die Bedeutung von Prävention und Rehabilitation, damit Menschen tatsächlich länger arbeiten können.

Gesundheit als entscheidender Faktor

Der vfa sieht genau dort Handlungsbedarf. „Wir müssen mehr über die Voraussetzung für ein längeres Erwerbsleben sprechen: Gesundheit. Wer länger arbeiten soll, muss auch länger gesund arbeiten können. Das kommt in der Rentendebatte zu kurz“, sagte vfa-Präsident Han Steutel dieser Redaktion.

Eine höhere Altersgrenze allein reiche nicht aus, so Steutel. „Eine höhere Regelaltersgrenze allein ist noch keine Garantie für zusätzliche Erwerbstätigkeit. Das Potenzial entsteht erst dann, wenn Prävention, Rehabilitation und moderne Medizin dafür sorgen, dass Menschen im höheren Alter auch arbeitsfähig bleiben.“

Die Analyse bestätigt dies: Der Gesundheitszustand entscheide nicht nur darüber, ob Menschen länger arbeiten könnten, sondern auch, ob sie dies überhaupt wollten. Nach Berechnungen von Michelsen und Bammert könnte das BIP um weitere 0,2 Prozent oder rund zehn Milliarden Euro pro Jahr steigen, wenn sich der gute Gesundheitszustand der 55- bis 65-Jährigen im Durchschnitt um vier Jahre länger erhalten ließe. Sie verweisen zudem auf den Nutzen einer besseren Versorgung chronisch Kranker sowie höherer Impfquoten, um krankheitsbedingte Fehlzeiten zu verringern.

Forderung nach Verzahnung von Renten- und Gesundheitspolitik

Steutel forderte deshalb, Renten- und Gesundheitspolitik stärker miteinander zu verzahnen. „Gesundheitspolitik ist in einer alternden Gesellschaft stets auch Wirtschaftspolitik. Jeder zusätzliche gesunde Erwerbsmonat hilft dem Arbeitsmarkt, den Sozialversicherungen und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands.“

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