Lufthansa aktiviert Notfallplan wegen Personalmangels
Die Lufthansa hat am vergangenen Wochenende einen Notfallplan für Personaleinsätze aktiviert. Am Freitag um 17:30 Uhr ging eine Warnung bei den rund 19.000 Kabinenmitarbeitern ein, wie Beschäftigte gegenüber Capital berichten. In der Mitteilung, die Capital vorliegt, heißt es, dass die Lufthansa die Stabilitätskriterien außer Kraft setzt. Dies bedeutet, dass Mitarbeiter sich auf kurzfristige Dienstplanänderungen einstellen müssen, was im Tarifvertrag für Notlagen vorgesehen ist. Eine solche Notlage – wie schwere Wetterbedingungen, Katastrophen oder Streiks – war zwar nicht absehbar, dennoch konnten ab Samstagfrüh Dienstpläne geändert und Mitarbeiter kurzfristig für Einsätze angefragt werden. Normalerweise sieht der Stabilitätspakt eine Planungsvorlaufzeit von 96 Stunden vor, um ausreichende Ruhezeiten und Planungssicherheit zu gewährleisten.
Reduzierte Besatzungen auf Langstreckenflügen
Das gesamte Wochenende über wurden Kolleginnen und Kollegen aufgefordert, auf verschiedenen Routen einzuspringen. Auf einigen Langstreckenflügen in die USA ging eine dezimierte Besatzung an Bord. „Wir hatten drei Kolleginnen weniger in der Kabine“, berichtet eine Lufthansa-Mitarbeiterin. Bei einem Team, das regulär aus 14 bis 16 Kabinenmitarbeitern besteht, sei dies ein deutlicher Einschnitt, der sich auch im Service bemerkbar mache. „Da versuchen wir, den vollen Service für die First- und Business-Class aufrechtzuerhalten. Aber in der Economy müssen wir dann mitunter Abstriche machen“, sagt eine Mitarbeiterin. Die Lufthansa selbst hat die Probleme intern bestätigt. In einem Beitrag vom Dienstag im Unternehmensforum, der Capital vorliegt, heißt es: „In den vergangenen Tagen haben viele von Ihnen eine außergewöhnlich angespannte Situation in der Bereederung erlebt. Flüge wurden mit reduzierter Crew durchgeführt, kurzfristige Änderungen haben Ihren Arbeitsalltag zusätzlich erschwert.“ Demnach mussten mehrere Umläufe an den Drehkreuzen München und Frankfurt in Unterbesetzung bestritten werden – in Frankfurt insbesondere am 25. und 28. Mai. Der Konzern betont jedoch: „Was wir aktuell erleben, ist kein strukturelles Problem, sondern ein zeitlich begrenzter Engpass innerhalb des Monats.“
Gewerkschaft wirft Management Versagen vor
Die zuständige Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) bestätigt die Engpässe in der Personalplanung und wirft dem Lufthansa-Management schweres Missmanagement vor. „Lufthansa verkauft Verlässlichkeit, Netzwerkqualität und Premiumanspruch. Gleichzeitig spart der Konzern an genau der Grundlage, die einen stabilen Flugbetrieb überhaupt möglich macht: ausreichend Personal“, erklärt Sara Grubisic, stellvertretende Vorsitzende und Vorständin Tarifpolitik der Ufo. Die Lufthansa ließ eine Anfrage zunächst unbeantwortet und verwies auf eine spätere Mitteilung. Darin heißt es knapp: „Alle Flüge werden mit einer Anzahl an Flugbegleitern durchgeführt, die jederzeit deutlich über den gesetzlichen Mindestanforderungen der europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA liegt.“ Wie stark dies vom Lufthansa-Standard abweicht, bleibt unklar.
Ursachen: Cityline-Schließung und Flugplanänderungen
Die Frage nach den Ursachen der Engpässe drängt sich auf. Die Lufthansa hatte zuletzt angekündigt, infolge des Iran-Kriegs wegen steigender Kerosinpreise und möglicher Treibstoffknappheit 20.000 Flüge zu streichen. Das klingt nach weniger Arbeit für die vorhandene Mannschaft. Tatsächlich hat der Konzern vor wenigen Wochen die Tochtergesellschaft Cityline früher als geplant geschlossen. Seither sitzen laut Gewerkschaftsangaben 800 Kabinenmitarbeiter der Cityline ohne Beschäftigung zu Hause, denen kein Wechsel zur Lufthansa angeboten wird. Der Frust bei den Mitarbeitern ist groß, auch bei denen, die noch im Konzern beschäftigt sind und den Eindruck haben, die Arbeit der Kollegen übernehmen zu müssen. Denn wo Flüge gestrichen wurden, tauchen nun zahlreiche neue Flüge im Dienstplan der Lufthanseaten auf, die zuvor von der Regionalflugtochter abgedeckt wurden. Im internen Blogpost der Lufthansa ist von „etwaiger von CLH übernommener Frequenzen“ die Rede, aber: „Die aktuellen Engpässe werden nicht durch Flugstreichungen oder die Stilllegung von Cityline verursacht.“
Die Gewerkschaft sieht das anders: „Mit der Betriebsstilllegung der Cityline wurde Flugprogramm zur Lufthansa verlagert, ohne die Menschen dafür zu haben“, so Ufo-Vertreterin Grubisic. „Schon jetzt zeigt sich: Diese Rechnung geht nicht auf.“ Die Einsatzplanung für die Kabine sei zu knapp bemessen. Bereits im Mai und Juni habe es Freiwilligenaufrufe für den gesamten Monat gegeben. Zu knappe Ressourcen könnten durch Krankmeldungen entstehen, doch diese lägen laut Personalabteilung nur ein Prozent über dem Vorjahr. Freiwilligenaufrufe für Juni bestätigt auch die Lufthansa im internen Schreiben: „Die Maßnahmen dienen daher der präventiven Stabilisierung der Operation im Juni.“
Ausblick: Sommerflugplan in Gefahr?
Freiwilligenaufrufe und Notfallmaßnahmen für kurzfristige Personaleinsätze dürften für viele Kunden kurz vor Beginn der Sommerferien nicht beruhigend klingen. Die Lufthansa verspricht zwar, personell für den Sommer sehr gut aufgestellt zu sein und den Flugplan verlässlich und in gewohnter Qualität darstellen zu können. Die Gewerkschaft hält dagegen: „Wenn ein laufender Monat nur noch mit improvisierten Notmaßnahmen abgesichert werden kann, stellt sich die Frage, wie dieser Konzern den Flugbetrieb in der Hauptreisezeit verlässlich aufrechterhalten will“, so Grubisic. „Wer in dieser Lage weiter Druck ins System gibt, nimmt Störungen im Sommerflugplan billigend in Kauf – zulasten der Beschäftigten und der Passagiere.“ Dieser Text ist zuerst bei capital.de erschienen.



