Börsenchef fordert grundlegende Rentenreform mit stärkerer Aktienbeteiligung
Die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland steht im Fokus einer dringenden Debatte. Stephan Leithner, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, hat sich mit deutlichen Worten für eine beschleunigte Rentenreform ausgesprochen. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX am Unternehmenssitz in Eschborn betonte er die Notwendigkeit eines Systemwandels.
„Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen“, erklärte Leithner. Seiner Ansicht nach muss die kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge eine deutlich stärkere Rolle spielen, während die gesetzliche Rente als eine der drei Säulen erhalten bleibt.
Rentenniveau von 48 Prozent als unsozial kritisiert
Leithner übte scharfe Kritik am aktuellen Rentenniveau. „Mit Blick auf die Lebenshaltungskosten kann man ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht anders bezeichnen als unsozial“, sagte er. Dies reiche hinten und vorne nicht aus. Ein Gesamtniveau von bis zu 65 Prozent sei vermutlich notwendig, doch dies sei allein aus der Säule der gesetzlichen Rentenversicherung nicht zu finanzieren.
Die Bundesregierung hatte im vergangenen Jahr ein Rentenpaket beschlossen, das die Haltelinie für das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent fixiert. Allein im Jahr 2026 sollen mehr als 120 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rentenversicherung fließen.
Konkrete Vorschläge für eine Reform
Leithner präsentierte mehrere konkrete Maßnahmen für eine umfassende Reform:
- Frühstart-Rente mit Einmalbetrag: Statt monatlicher Zahlungen ab dem sechsten Lebensjahr plädiert er für einen Anschub von 4.000 Euro bei der Geburt eines Kindes, um den Zinseszinseffekt besser zu nutzen.
- Steuerfreie Sonderzahlungen: Nach dem Vorbild der USA sollten Großeltern bis zu 5.000 Euro in das Kinderdepot einzahlen können.
- Betriebliche Altersvorsorge in jeden Arbeitsvertrag: Derzeit sind nur etwa 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung im System, Ziel sollten 90 Prozent oder mehr sein.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, dass die Bundesregierung eine Neugewichtung der drei Säulen noch in diesem Jahr auf den Weg bringen will. Die von Union und SPD eingesetzte Rentenkommission soll bis Jahresmitte Vorschläge vorlegen.
Kapitalmärkte als Chance für die Altersvorsorge
Leithner verwies auf die positive Entwicklung an den Kapitalmärkten. „Der Dax war 2024 und 2025 einer der Indizes weltweit mit der besten Performance. Warum nehmen die Bürger an dieser Wertsteigerung nicht teil?“, fragte er. Im Durchschnitt liege die Rendite im Deutschen Aktienindex bei 7 bis 9 Prozent pro Jahr.
Er beobachtet eine ermutigende Dynamik bei jungen Menschen, die erkennen, dass staatliche Vorsorge allein nicht ausreicht. Die Zahl der Anleger in börsengehandelte Indexfonds (ETFs) ist in Europa von 19 Millionen im Jahr 2022 auf aktuell 33 Millionen gestiegen, davon mehr als 14 Millionen in Deutschland.
„Die beste Finanzbildung ist der Depotauszug“, betonte Leithner. Zu sehen, wie aus 10 Euro von vor drei Jahren inzwischen 20 Euro geworden seien, schaffe mehr Verständnis für die Möglichkeiten der Kapitalmärkte.
Der Druck für eine Lösung sei enorm, nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene. Leithner zeigte sich zuversichtlich, dass auf den bereits beschlossenen Maßnahmen wie der Frühstart-Rente und dem geplanten Altersvorsorgedepot aufgebaut werden kann.



