Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Leitzinsen im Euroraum trotz Ölpreisschock und steigender Inflation infolge des Iran-Kriegs vorerst unverändert. Der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Damit belässt die EZB die Zinsen zum siebten Mal in Folge unverändert.
Volkswirte erwarten Zinserhöhungen
Volkswirte gehen jedoch davon aus, dass die Zentralbank im Laufe des Jahres die Zinsen anheben wird, sobald mehr Daten vorliegen, um die Kriegsfolgen besser beurteilen zu können. „Je länger der Krieg andauert und je länger die Energiepreise auf hohem Niveau verharren, desto stärker wird sich dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken“, erklärten die Währungshüter des Euro-Raums.
Auswirkungen des Iran-Kriegs
Bereits im März und April hat der Ölpreisschock durch den Krieg im Nahen Osten die Teuerung im Währungsraum kräftig nach oben getrieben. Ökonomen befürchten, dass die gestiegenen Energiepreise auf die gesamte Wirtschaft überspringen und viele Waren und Dienstleistungen teurer werden. An den Finanzmärkten werden bis zum Jahresende drei Leitzinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte erwartet.
Mit höheren Leitzinsen kann die EZB gegensteuern: Dies würde Kredite verteuern, was die Nachfrage bremsen und die Inflation dämpfen könnte. Sparerinnen und Sparer würden zugleich von steigenden Zinsen profitieren.
Inflation sprunghaft gestiegen
Im April lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach einer ersten Schätzung der Statistikbehörde Eurostat um 3,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Bereits im März war die Inflationsrate mit 2,6 Prozent deutlich erhöht. Die EZB strebt mittelfristig eine Teuerung von 2,0 Prozent im Euroraum an – die Marke, bei der die Notenbank ihr oberstes Ziel erreicht sieht: einen stabilen Euro zu gewährleisten und die Kaufkraft der Menschen zu sichern.
Sparzinsen ziehen an
Mit neuen Inflationsängsten und der Erwartung steigender Leitzinsen sind auch die Sparzinsen gestiegen. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs sind die Festgeldzinsen so stark geklettert wie seit 2023 nicht mehr, wie eine Analyse des Vergleichsportals Verivox ergab. Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit liegen demnach im Schnitt bei 2,25 Prozent – 0,18 Prozentpunkte mehr als zu Kriegsbeginn und der höchste Stand seit Anfang 2025. Bei fünfjährigem Festgeld gebe es im Mittel 2,37 Prozent. Die Kehrseite: Die Inflation in Deutschland lag zuletzt noch höher bei 2,9 Prozent, sodass Sparer unterm Strich Geld verlieren.
„Beim Festgeld ist die Zinswende schon angekommen“, sagt Timo Halbe vom Geldratgeber Finanztip. „Das deutet darauf hin, dass Banken sich auf ein länger höheres Zinsniveau einstellen.“
EZB in der Zwickmühle
Wie es mit der Geldpolitik der EZB weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, wie lange der Iran-Konflikt dauert und ob es bei einem zeitlich befristeten Energiepreisschock bleibt oder die jüngste Teuerungswelle die komplette Wirtschaft erfasst. Noch besteht die Hoffnung, dass sich die USA und der Iran am Verhandlungstisch einigen.
Schon jetzt trübt der Krieg die Konjunkturaussichten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass die Wirtschaft im Euroraum in diesem Jahr nur um 1,1 Prozent wachsen wird. Für Europas größte Volkswirtschaft Deutschland sieht es mit 0,8 Prozent noch schlechter aus. Im ersten Quartal gab es für die Wirtschaft im Euroraum laut Eurostat ein Mini-Wachstum von gerade einmal 0,1 Prozent.
Höhere Zinsen würden Investitionen für Unternehmen verteuern. Die EZB steckt also in einer Zwickmühle: Erhöht sie die Zinsen, um die Inflation einzudämmen, läuft die Notenbank Gefahr, die Wirtschaft abzuwürgen. Im schlimmsten Fall droht Stagflation – eine Wirtschaftsflaute bei gleichzeitig deutlich steigenden Preisen.
Schlechte Erinnerungen an den Ukraine-Krieg
Die EZB will unbedingt verhindern, dass sie auf eine mögliche neue Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent hoch. Mit der Energiekrise stiegen auch die Lebensmittel- und Spritpreise in Deutschland. Die damaligen Preiserhöhungen wirken bis heute nach.



