Die teuerste Bauruine der DDR: Warum das KKW Stendal nie ans Netz ging
KKW Stendal: Die teuerste Atomruine der DDR

Die teuerste Bauruine der DDR: Warum das KKW Stendal nie ans Netz ging

Am 11. März 2026 jährt sich die Reaktorkatastrophe von Fukushima zum fünfzehnten Mal – ein weltweites Symbol für die Risiken der Atomenergie. Nur wenige wissen, dass Deutschlands teuerste Atomruine über 8.000 Kilometer entfernt in der Altmark liegt: das Kernkraftwerk Stendal bei Arneburg.

Ein Prestigeprojekt der DDR

In den 1970er-Jahren als ambitioniertes Vorzeigeprojekt der DDR gestartet, sollte die Anlage mit vier Reaktoren zu je 1.000 Megawatt das größte Kernkraftwerk des Landes werden – und zugleich das modernste im gesamten sozialistischen Lager. Der Plan versprach sichere Energie für Millionen von Haushalten, errichtet in Niedergörne, einem Dorf, das dem Fortschritt weichen musste.

1974 begannen die ersten Arbeiten, die offizielle Grundsteinlegung folgte 1981. Für die zahlreichen Baustellenarbeiter und Ingenieure wurden ganze Wohnviertel in Stendal, Osterburg und Arneburg errichtet. Über 7.000 Menschen aus der DDR und dem Ausland arbeiteten zeitweise auf der gigantischen Baustelle am Elbufer.

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Milliardengrab und wachsende Skepsis

Doch der Traum von der friedlichen Nutzung der Kernenergie erwies sich als extrem kostspielig. Bereits Ende der 1980er-Jahre stiegen die geschätzten Kosten auf bis zu 20 Milliarden Mark. Nach der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 wuchs die öffentliche Skepsis gegenüber der Atomkraft stetig – und mit ihr der politische Druck auf das ohnehin schon verzögerte Projekt.

Chefingenieur Harald Gatzke, ein erfahrener Kraftwerksbauer, kam im Frühjahr 1990 nach Stendal, überzeugt davon, den ersten Block bald ans Netz bringen zu können. Tatsächlich war dieser zu etwa 90 Prozent fertiggestellt. Doch dann kam die Deutsche Einheit – und mit ihr das unerwartete Aus für das Megaprojekt.

Das Ende einer Ära

Mit der Währungsunion fehlten plötzlich die Milliarden aus dem DDR-Staatshaushalt, westdeutsche Energiekonzerne zeigten kein Interesse an einer Übernahme. Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) sah keine Zukunft für sowjetische Reaktortechnologie im wiedervereinten Deutschland. Im März 1991 wurde der Bau endgültig gestoppt.

Aus dem einstigen Prestigeprojekt wurde ein Symbol des Zerfalls: verlassene Reaktorgebäude, halbfertige Maschinenhallen, rostige Schienen – eine Geisterstadt der Energiepolitik. Noch Mitte 1990 arbeiteten dort über 7.500 Menschen, kurz darauf waren alle entlassen.

Sprengung und Neuanfang

Die markanten Kühltürme, einst Wahrzeichen des Fortschrittsglaubens, wurden 1994 und 1999 gesprengt. Die Ruine verschwand schrittweise von der Landkarte – übrig blieb ein gigantisches Loch im Haushalt und im kollektiven Gedächtnis der Region.

Mit Hilfe der Treuhandanstalt entstand in den 1990er-Jahren der Industrie- und Gewerbepark Altmark. Wo einst Reaktoren geplant waren, produzieren heute Zellstoff- und Papierfabriken klimafreundliche Produkte. 2004 nahm die Zellstoff Stendal GmbH ihren Betrieb auf – das Werk speist inzwischen erneuerbare Energie ins Stromnetz ein.

So wurde aus dem teuersten Atomprojekt der DDR ein Schauplatz des Strukturwandels. Die Pläne für ein neues Kohlekraftwerk wurden längst beerdigt – stattdessen gewinnt die Region heute Strom aus Biomasse. Ein stiller, aber bedeutender Bruch mit ihrer eigenen energiepolitischen Vergangenheit.

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