Putins Atomwaffen: Nato-Geheimdienste würden Befehl schnell erfahren
Putins Atomwaffen: Nato-Geheimdienste würden Befehl schnell erfahren

Vor 30 Jahren übergab die Ukraine den letzten Atomsprengkopf an Moskau. Heute droht der Kreml regelmäßig mit dem Einsatz nuklearer Waffen. Was dahintersteckt, analysiert Hans M. Kristensen, Experte für Nuklearpolitik.

Oreschnik-Rakete: Atomwaffenfähig, aber konventionell eingesetzt

Russland hat die Ukraine erneut mit einer Oreschnik-Rakete angegriffen. Diese Rakete kann auch nukleare Sprengköpfe tragen, was in diesem Fall jedoch nicht geschah. Wie wahrscheinlich ist ein nuklearer Einsatz beim nächsten Mal? Kristensen erklärt, dass Russland bereits seit längerem atomwaffenfähige Raketen in der Ukraine einsetzt, jedoch ohne nukleare Bestückung. Die Oreschnik wird unter Kriegsbedingungen getestet, ähnlich wie zuvor Langstrecken-Marschflugkörper in Syrien. Gegen die Ukraine kommt sie konventionell zum Einsatz, mit Vorteilen wie höherer Munitionskapazität und Geschwindigkeit. Theoretisch besteht die Gefahr einer Fehlinterpretation durch die Nato, die zu einer Überreaktion führen könnte. Aktuell hält Kristensen jedoch sowohl einen Einsatz als auch eine Fehlinterpretation für unwahrscheinlich.

Frühwarnsystem der Nato

Wollte Russland seine Atomsprengköpfe einsetzen, müssten Spezialeinheiten sie aus zentralen Lagern abtransportieren. Von einem solchen Befehl würden die Nato-Geheimdienste schnell erfahren. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür.

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Stationierung in Belarus: Signal an den Westen

Die Oreschnik wurde Berichten zufolge auch in Belarus stationiert. Russland demonstrierte dort vor einigen Tagen unangekündigt sein Atomwaffenarsenal. Müssen Nachbarländer wie Polen und Litauen sich Sorgen machen? Kristensen betont, dass Russlands Atomwaffen bereits jeden Ort in Europa erreichen können. Der militärische Nutzen der Stationierung in Belarus sei fraglich, da das System nun näher an der Nato-Grenze steht und anfälliger für Gegenangriffe ist. Vielmehr sei es ein Signal an den Westen: Moskau wolle die USA für den Ausstieg aus dem INF-Vertrag bestrafen. Der INF-Vertrag war ein historisches Abkommen zwischen den USA und der Sowjetunion, später Russland, das die Abschaffung aller landgestützten Raketen und Marschflugkörper mit Reichweiten zwischen 500 und 1000 Kilometern vorsah. 2019 kündigten beide Seiten den Vertrag endgültig auf.

Nachahmung der nuklearen Teilhabe

Der Einbezug von Belarus in Russlands Nuklearstrategie sei ein armseliger Versuch, die Nato und ihr Konzept der nuklearen Teilhabe nachzuahmen. Demnach dürfen europäische Staaten wie Deutschland US-Sprengköpfe auf ihrem Gebiet stationieren. Dass Russland seine taktischen Nuklearstreitkräfte jetzt öffentlich inszeniert, hänge vermutlich mit Wladimir Putins Frust über die Lage an der Front in der Ukraine zusammen. Offenbar wolle er Kyjiw stärker mit Raketen beschießen lassen und den Westen davon abbringen, mit Raketenabwehr zur Hilfe zu kommen. Doch selbst dann würde Russland wohl kaum Atomwaffen einsetzen, da es genug andere konventionelle Waffen hat, um zu eskalieren.

Übung in Belarus: Echte Sprengköpfe oder Attrappen?

Haben die russischen Streitkräfte bei der Übung in Belarus Fähigkeiten präsentiert, die Sie überrascht haben? Kristensen erklärt, dass das Gesehene erwartbar war. Was ihn jedoch aufhorchen ließ, war die Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums, dass mit echten Sprengköpfen geübt worden sein soll. Er rät zur Vorsicht, russischen Behördenaussagen blind zu vertrauen. Der Vorgang wäre höchst ungewöhnlich, da niemand Atomwaffen unnötigen Risiken wie Diebstahl oder Unfällen aussetzt. Bei Übungen kommen daher Trainingsattrappen zum Einsatz, die wie echte Sprengköpfe aussehen und auf Trägerraketen geladen werden können, aber kein radioaktives Material enthalten. Es sei gut möglich, dass Russland trotz aller Behauptungen Attrappen eingesetzt hat.

Atomwaffenarsenal: Kein Ausbau bei taktischen Waffen

Ihr Institut schätzt, dass Russland rund 4400 Sprengköpfe besitzt. Was hat sich da zuletzt verändert? Kristensen stellt fest, dass Russland sein Arsenal im Bereich der taktischen Atomwaffen nicht ausgebaut hat, obwohl dies vor einigen Jahren noch erwartet wurde. Dies deute darauf hin, dass Moskau schlicht keine Notwendigkeit sieht, zumal Russland in der Ukraine genug Probleme hat, seine konventionellen Streitkräfte effektiv einzusetzen.

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Konventionelle Schwächen und nukleare Attraktivität

Russische Raketen, auch atomwaffenfähige, werden in der Ukraine immer wieder abgeschossen oder kommen vom Kurs ab. Dasselbe würde passieren, wenn sie mit Atomsprengköpfen beladen wären. Diese Erkenntnis sei wichtig für die russische Militärführung. Russland werde daraus lernen und nachrüsten. Es stellt sich die strategische Frage: Wenn die konventionellen Mittel nicht so stark sind wie gedacht, erhöht das die Attraktivität von Atomwaffen als Ausgleich? Theoretisch ja, praktisch nein, denn sobald man Atomwaffen einsetzt, gerät man in eine Eskalationsspirale, die weitaus schlimmer ist als das ursprüngliche Problem.

Budapester Memorandum: Symbolische Bedeutung

Heute vor 30 Jahren übergab die Ukraine den letzten sowjetischen Atomsprengkopf an Russland. Teil des Budapester Memorandums. Spielen diese Waffen im russischen Arsenal heute noch eine Rolle? Sie sind inzwischen mit großer Wahrscheinlichkeit demontiert, da Russland die sowjetischen Sprengköpfe modernisiert hat. Das Thema bleibt symbolisch enorm bedeutsam, weil es zeigt, wie wenig Russlands Sicherheitsgarantien wert waren.

Nukleares Kräftegleichgewicht: USA und Russland

Wie steht es um das nukleare Kräftegleichgewicht zwischen Russland und den USA? Bei den Langstreckenwaffen haben die USA einen Vorteil: Sie betreiben mehr Abschussrampen und haben mehr einsatzbereite Sprengköpfe in der Reserve. Auf taktischer Ebene, also bei den Mittelstreckensystemen, hat Russland schätzungsweise acht- bis zehnmal mehr Atomwaffen. Die Erklärung dafür ist simpel: Die meisten Ziele, die für Russland relevant sind, liegen in seiner Peripherie, also in der Reichweite taktischer Waffen. Letztlich kommt es nicht so sehr auf die Zahlen an: Russland kann mit seinem Arsenal enormen Schaden anrichten, unabhängig davon, ob die USA mehr Sprengköpfe haben.

New-Start-Vertrag: Zukunft der Nuklearkontrolle

Der Atomwaffenvertrag New Start zwischen Russland und den USA lief im Februar dieses Jahres aus. Wie realistisch ist eine Rückkehr zu einer Nuklearkontrolle? Sie wäre absolut notwendig, aber im Moment kaum vorstellbar. Derzeit gibt es keinerlei zahlenmäßige Beschränkungen für Atomwaffen, eine Situation wie zuletzt in den 1970er Jahren. Gleichzeitig wächst China als dritte Atommacht heran und weigert sich bislang, an Gesprächen über eine Waffenkontrolle teilzunehmen. Die klassischen Zweiseitenverträge funktionieren in einer Dreierkonstellation nicht mehr, was die Situation noch komplexer und ein Abkommen unwahrscheinlicher macht. Vielleicht müssen wir erst eine dunklere Phase durchlaufen, bevor politische Akteure wieder einsehen, dass ein nukleares Wettrüsten die Welt nicht zu einem sichereren Ort macht.