Wie ein Greifvogel stürzt die Drohne auf ihr Ziel zu. Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus ihrer Perspektive zeigen die letzten Sekunden vor dem Einschlag in einen mehrstöckigen Gebäudekomplex. Mittig im Bild prangt das Logo des Herstellers: Firepoint. Der Bildschirm flackert, wird schwarz: Treffer.
Solche Videos kursieren zu Dutzenden in den sozialen Medien. Sie sollen Angriffe ukrainischer Drohnen tief in Russland zeigen – auf Fabriken, Ölraffinerien, Waffenlager. Langstreckendrohnen „made in Ukraine“ haben den Krieg in eine neue Phase geführt, sagen Militäranalysten. Selbst Russlands Machthaber Wladimir Putin musste einsehen, dass seine Flugabwehr nicht einmal mehr Moskau zuverlässig schützt.
Die Ukraine als Waffenlabor der Welt
„Jede Rüstungsfirma aus Europa, die etwas auf sich hält, investiert jetzt in die Ukraine“, sagt Reiner Perau, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer in der Ukraine. Vor der russischen Invasion produzierte die Ukraine keinen Schuss Munition. Nun lehren ihre Drohnen Moskau das Fürchten. Die erstaunliche Aufholjagd der ukrainischen Rüstungsbranche ist eine Schocktherapie für das kränkelnde Sowjeterbe.
Seit Anfang des Jahres stellt die Ukraine über 80 Prozent ihres Militärgeräts selbst her. Zahlen des Verteidigungsministeriums zeigen einen eindeutigen Trend: Noch im September lag der Anteil der Eigenproduktion bei 40 Prozent. Die Zeiten, in denen die Ukraine im Westen um Langstreckenwaffen wie den deutschen Taurus betteln musste, sind vorbei. „Wir sind nicht mehr dringend auf Taurus angewiesen“, sagte Botschafter Oleksii Makeiev kürzlich im „Tagesspiegel“-Interview. Auch mit ukrainischen Langstreckendrohnen lassen sich Schäden in Russland anrichten – doch sie kosten schätzungsweise 34-mal weniger.
Schocktherapie für das kränkelnde Sowjeterbe
Vor dem russischen Angriffskrieg stellte Kyjiws Rüstungsindustrie keinen einzigen Schuss Munition und nur wenige Waffen selbst her. Zwar hatte die Annexion der Krim 2014 Investitionen in die Produktion steigen lassen, doch die Branche litt unter ihrem sowjetischen Erbe: dominiert vom Staatskonzern „Ukroboronprom“, zu ineffizient und korrupt, sagten Kritiker. Selenskyj begann 2020 mit Reformen, doch erst der Angriffskrieg brachte die Wende. Schocktherapie.
In Russland dominieren staatliche Rüstungskonzerne bis heute den Markt. Aber Moskau verfügt über mehr Budget und ein größeres Arsenal. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute stiegen die russischen Rüstungsausgaben von 65,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf 104,4 Milliarden im Folgejahr 2022. Das entsprach im Jahr der Vollinvasion 4,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Die Ukraine erhöhte ihre Ausgaben im selben Zeitraum von 6,8 auf 41,5 Milliarden US-Dollar. Ein Anstieg von 3,4 auf 25,6 Prozent des BIP. Doch entscheidend sei nicht nur das Budget, sondern die Systemfrage, sagt Reiner Perau. Jedes europäische Rüstungsunternehmen, das etwas auf sich hält, steigt jetzt in den ukrainischen Markt ein.
Das „Amazon für die Armee“
Als Schlüssel der Innovation sehen viele die Plattform „Brave1“, einen Onlinemarkt für Drohnen, Entminungsfahrzeuge, sogar Elektrochips. Ein „Amazon für die Armee“, wie man in der Ukraine sagt. Sie wurde im April 2023 vom Staat gegründet und soll Hersteller und Militär zusammenbringen. Auf der Plattform können ukrainische Kommandeure Waffen für ihre Einheiten kaufen. Im Angebot: Drohnen, Störsender, Elektrochips.
Entwickelt wurde „Brave1“ vom damaligen Digital- und heutigen Verteidigungsminister Mychailo Federow und dem damaligen Minister für Strategische Industrien, Oleksandr Kamyschin. Federow, 35, gilt als hipper Innovator. Vor der Invasion entwickelte er die Ausweis-App „Diia“, später sicherte er Starlink-Satelliten von Elon Musk für die Ukraine. Kamyschin, früher Chef der ukrainischen Bahn, machte sich als effizienter Manager einen Namen.
„Brave1“ ermöglicht es Kommandeuren, direkt für ihre Einheiten einzukaufen. Das Angebot im Bereich Drohnen etwa lässt sich in der Suchmaske nach Größe, Höchstgeschwindigkeit und Einsatzradius filtern. Häufig landen Prototypen auf der Plattform, die Soldaten unter Kriegsbedingungen testen. Dmitro, Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde, kauft regelmäßig Drohnen und elektronische Abwehrsysteme auf „Brave1“. Er heißt eigentlich anders und möchte anonym bleiben. Bezahlt wird auf der Plattform auch mit E-Punkten, die Einheiten für zerstörte russische Panzer, Drohnen und getötete Soldaten erhalten. Kritiker nennen das System eine zynische Gamification des Krieges. Dmitro sieht darin eine „gesunde Form des Wettbewerbs“. Drohnen, die nicht überzeugen, kauft er kein zweites Mal. „Die Hersteller werben mit Hochglanzpräsentationen, aber im Krieg versagen manche Modelle.“
Scheitern ist kein Skandal
Ein Realitätscheck für Drohnenbauer. Besteht die Waffe den Test nicht, muss der Hersteller nachbessern. Das weiß Taras Tymotschko besonders gut. Er leitet das Projekt „Dronefall“ und vermittelt zwischen Drohnenbauern und Armee. Er setzt sich dafür ein, Einheiten mit Abfangdrohnen gegen russische Shaheds auszustatten. Sein Motto: Warum mit Millionen Euro teuren Raketen auf Drohnen schießen, wenn Abfangdrohnen für einige Tausend Euro es auch tun? „Wenn es Beschwerden gibt, erfährt der Hersteller sofort davon. Dann wird angepasst, getestet, nachgebessert – bis das Produkt funktioniert“, sagt Tymotschko.
Manche Firmen sind binnen zwei Jahren von Garagenprojekten zu Großunternehmen gewachsen. Andere sind verschwunden, weil sie nicht auf das Feedback reagiert haben. Tymotschko nennt ein Beispiel: Macht Russlands elektronische Kriegsführung analoge Drohnen unbrauchbar, stellt die Armee auf digitale Systeme um. Werden russische Drohnen schneller, müssen die ukrainischen mithalten. Auch europäische Konzerne müssen sich anpassen. Der deutsche KI-Drohnenhersteller Helsing soll nach ersten Tests an der Front Berichten zufolge das Feedback bekommen haben: anfällig für russische Störmaßnahmen. In der ukrainischen Rüstungsindustrie gilt das nicht als Skandal. Sondern als Teil des Prozesses.
Europa investiert in die Ukraine
Russland ist gut darin, Drohnen besonders schnell und in hohen Stückzahlen zu produzieren. Das werde am Beispiel der Shahed-Drohnen deutlich, sagt AHK-Geschäftsführer Reiner Perau. In der Sonderwirtschaftszone Jelabuga, 1200 Kilometer von der Front entfernt, fertigt Russland Schätzungen zufolge mittlerweile mehr als 5000 Stück pro Monat. Begünstigt werde die Massenproduktion in Russland durch seine „strategische Tiefe“, sagt Perau. Das bedeutet, das Land ist groß genug, um weit weg von der Front Fabriken hochziehen zu können.
Die Ukraine gleicht ihre fehlende „strategische Tiefe“ aus, indem sie Drohnen in Europa produzieren lässt. So etwa von der bayerischen Firma „Quantum Systems“, die mit dem ukrainischen Unternehmen „Frontline“ die KI-Drohne „Linza“ baut. Joint Ventures mit westlichen Firmen fördert Kyjiw mit dem Programm „Built with Ukraine“. Anfang des Jahres schlossen vier heimische Firmen Verträge mit Partnern aus Dänemark, Finnland und Lettland.
In Dänemark soll eine Raketentreibstofffabrik der ukrainischen Firma Firepoint entstehen. Deren pinkfarbene Flamingo-Rakete wurde vergangenes Jahr zum Medienphänomen, und ihre Drohne FP-1 trifft oft Ziele im russischen Hinterland. Der ukrainische Generalstab lobte in der Vergangenheit die Effektivität der FP-1 – doch darüber lag wie ein Schatten der Verdacht von Korruption. Der ukrainische Oligarch und Selenskyj-Freund Timur Minditsch, der im Fokus des größten Korruptionsskandals der jüngeren ukrainischen Geschichte steht, soll Interesse an einem Kauf von Firepoint-Anteilen gehabt haben. Es kamen Zweifel auf, ob die Waffen der Firma effektiv genug und einen Milliardenvertrag mit dem Verteidigungsministerium wert sind. Kürzlich geleakte Transkripte von Telefongesprächen sollen darauf hinweisen, dass Minditsch Hinterzimmergeschäfte für Firepoint mit dem damaligen Verteidigungsminister Rustem Umjerow ausgehandelt haben soll. Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden prüfen den Verdacht. Firepoint-Inhaber Denys Schtillermann weist die Vorwürfe zurück.
Könnten Korruptionsskandale wie dieser westliche Investoren abschrecken? „Natürlich ist das ein Thema“, sagt Perau. „Aber ich kenne keine Firma, die deshalb auf eine Zusammenarbeit verzichtet hätte.“ Die Vorteile überwiegen: Tests unter Kriegsbedingungen, schnelles Feedback und niedrige Produktionskosten. Oder wie Perau sagt: „Jedes europäische Rüstungsunternehmen, das etwas auf sich hält, steigt jetzt in den ukrainischen Markt ein.“



