Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt in einem neuen Bericht vor einem globalen nuklearen Wettrüsten. Alle neun Atomwaffenstaaten bauen ihre Arsenale aus, was eine gefährliche Spirale in Gang setzt.
Kernaussagen des Sipri-Berichts
„Wir stecken bereits mitten in einem neuen nuklearen Wettrüsten“, erklärte Sipri-Experte Matt Korda. Jeder Nuklearstaat erweitere sein Arsenal entweder quantitativ oder qualitativ – viele täten beides. Die Modernisierung der Arsenale löse eine Kettenreaktion aus, bei der die Schritte eines Landes ähnliche Maßnahmen anderer nach sich zögen. „Dieser Kreislauf ist extrem schwer zu durchbrechen“, so Korda.
Abschreckung und mangelnde Transparenz
Die Atommächte nutzen ihre Arsenale zunehmend zur Abschreckung. Russland etwa spielte im Ukraine-Krieg auf sein Atompotenzial an, um westliche Unterstützung zu verhindern. Der Rüstungskontrollvertrag New Start zwischen Russland und den USA ist im Februar ausgelaufen, ohne dass ein Nachfolgeabkommen geschlossen wurde. Dadurch könnten beide Länder theoretisch Hunderte Sprengköpfe auf bestehende Trägersysteme laden, ohne neue bauen zu müssen. Ohne Verträge würden Atomwaffenstaaten zudem immer weniger Details über ihre nuklearen Fähigkeiten offenlegen, warnte Korda.
Vernachlässigung der Abrüstung
„Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Atomwaffenstaaten ihre Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigen oder sogar ganz aufgeben und stattdessen ihre nukleare Stärke zur Schau stellen“, sagte Sipri-Forscher Hans Kristensen. Dies schaffe neue Risiken und schüre die Dynamik des Wettrüstens.
Europa übernimmt aktivere Rolle
In diesem Wettrüsten spiele Europa eine immer aktivere Rolle. „Allein im vergangenen Jahr haben wir die Anfänge einer Ausweitung der Partnerschaft zur Lastenteilung im Nuklearbereich beobachtet, an der Frankreich, das Vereinigte Königreich und mehrere andere Länder, darunter Deutschland, beteiligt sind“, so Korda. Ein Grund dafür seien Zweifel an der Verlässlichkeit der USA.
Verteilung der Atomsprengköpfe
Russland und die USA verfügen gemeinsam über rund 83 Prozent aller gelagerten Nuklearsprengköpfe (Russland: 5.420, USA: 5.042). Nach dem Kalten Krieg bauten sie ausgemusterte Sprengköpfe kontinuierlich ab, doch dieser Trend kehrt sich nun um. „Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren umkehren, da sich das Tempo der Abrüstung verlangsamt, während die Stationierung neuer Atomwaffen zunimmt“, so Sipri. Die Modernisierungsprogramme beider Länder stünden jedoch vor planerischen und finanziellen Herausforderungen.
China baut am schnellsten auf
China baue sein Atomwaffenarsenal schneller aus als jedes andere Land. Bei seiner Militärparade 2025 präsentierte es mehrere neue Nuklearsysteme und verfügt nun über rund 620 Atomsprengköpfe. Insgesamt besaßen die neun Atommächte – USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – im Januar 2026 schätzungsweise 12.187 Atomsprengköpfe. Davon befanden sich etwa 9.745 in militärischen Beständen für den potenziellen Einsatz. Mehr als im Vorjahr – schätzungsweise 4.012 Stück – waren auf Raketen und Flugzeugen platziert. Zwischen 2.100 und 2.200 wurden auf ballistischen Raketen in höchster Einsatzbereitschaft gehalten, fast alle davon von Russland oder den USA, in geringerem Maße von Großbritannien und Frankreich. In der EU ist Frankreich nach dem Austritt Großbritanniens die einzige Atommacht.



