Großbritannien: Preisdeckel für Supermärkte sorgt für hitzige Debatte
GB: Preisdeckel für Supermärkte sorgt für Debatte

Die Lebensmittelpreise in Großbritannien steigen rasant an. Experten warnen vor einer drohenden Lebensmittelkrise. Die Regierung von Premierminister Keir Starmer sucht nach Lösungen und bringt dabei einen umstrittenen Vorschlag ins Spiel: Supermärkte sollen die Preise für Grundnahrungsmittel freiwillig deckeln. Doch der Plan stößt auf heftige Kritik – und wurde bereits wieder zurückgezogen.

Preisexplosion bei Lebensmitteln

Nudeln, Tiefkühlgemüse, Schokolade, Eier, Rindfleisch und Olivenöl – all diese Produkte sind in Großbritannien seit 2021 um mindestens 50 Prozent teurer geworden, wie eine Studie des Thinktanks Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) zeigt. Klima- und Energieschocks treiben die Preise in die Höhe. Die Lebensmittelinflation lag im April bei 3,7 Prozent, doch der britische Lebensmittelverband prognostiziert für Ende des Jahres eine Rate von fast 10 Prozent. Die ECIU-Autoren erwarten, dass Lebensmittel im November 2025 rund 50 Prozent teurer sein werden als 2021.

Besonders betroffen sind einkommensschwache Haushalte. ECIU-Ökonom Christian Jaccarini erklärte im britischen Fernsehsender Channel 4: „Das ärmste Fünftel der Haushalte spürt die Auswirkungen um etwa 75 Prozent stärker als das reichste Fünftel, weil sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben.“ Diese Haushalte seien gezwungen, bei Lebensmitteln zu sparen, was zu ernährungsbedingten Gesundheitsproblemen, Arbeitsausfällen und höheren Kosten für das Gesundheitssystem führen werde.

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Reeves‘ umstrittener Plan

Finanzministerin Rachel Reeves hatte im April die Chefs der größten Supermarktketten getroffen, um über die explodierenden Preise zu sprechen. Ihr Vorschlag: Große Supermarktketten sollen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Eier, Brot und Milch freiwillig deckeln. Im Gegenzug wollte die Regierung einige Belastungen und Vorschriften lockern, etwa die Verpackungsvorschriften. Die „Financial Times“ berichtete über den Plan, und die BBC bestätigte, dass die Regierung die Supermärkte aufgefordert habe, die Preise einzufrieren.

Doch die Reaktionen waren vernichtend. In sozialen Medien und Leserkommentaren war von Sozialismus und einem Vergleich mit Kuba die Rede. Ein Supermarktkunde sagte in einer Umfrage der Tageszeitung „Independent“, damit werde kontrolliert, was die Leute essen. Ein anderer befürchtete, dass Supermärkte die Preise für nicht gedeckelte Waren erhöhen würden, um Verluste auszugleichen.

Scharfe Kritik von Bank und Einzelhandel

Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, warnte vor Preisobergrenzen. In einer Rede vor Abgeordneten des Finanzausschusses des Parlaments sagte er, solche Obergrenzen könnten nach hinten losgehen, da sie die Kosten künstlich verschieben und langfristig nicht nachhaltig seien. Auch Einzelhändler äußerten sich besorgt. Eine anonyme Quelle aus dem Supermarktbereich sagte dem „Guardian“, dass Supermärkte andere Artikel verteuern könnten, um Einnahmeverluste auszugleichen.

Stuart Machin, Chef des Einzelhandelsunternehmens Marks and Spencer, nannte den Plan „völlig absurd“. Die Regierung solle sich nicht in die Wirtschaft einmischen. Viele Händler, auch sein Unternehmen, machten bereits Verluste bei Grundnahrungsmitteln wie Milch, Brot und Bananen. Statt Preisobergrenzen einzuführen, solle die Regierung die Steuern senken. Der ehemalige Chef der Supermarktkette Asda, Stuart Rose, wurde bei BBC Radio 4 noch deutlicher: „Die ganze Idee ist Quatsch und Unsinn und wird niemals durchgehen. Das riecht nach staatlicher Kontrolle. Es ist idiotisch, gefährlich, wird niemals funktionieren.“

Historische Parallelen und Rückzieher

Stuart Rose zog Parallelen zu den 1970er Jahren, als Großbritannien von der Ölkrise und massiver Inflation getroffen wurde. Die damalige Regierung setzte ebenfalls auf Preisobergrenzen für Brot, was zu Lieferengpässen und verdeckter Inflation führte. Für die Einzelhändler war es ein Verlustgeschäft. Diese Erfahrungen erklären die Skepsis der britischen Supermarktketten gegenüber Preiskontrollen.

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Der heftige Protest zeigte offenbar Wirkung: Nur einen Tag nach den Berichten über ihren Vorschlag zog Finanzministerin Reeves den Plan zurück, wie die „Financial Times“ meldete. Ende Mai präsentierte sie eine neue Idee: Für 125 Alltagsgegenstände, darunter Avocados, Bananen, Olivenöl, Brot, Schokolade und Kaugummi, sollen die Einfuhrzölle ausgesetzt werden. Reeves erwartet von den Supermärkten, dass sie die Einsparungen vollständig an die Kunden weitergeben. Finanzstaatssekretär Dan Tomlinson betonte jedoch, dies sei nur einer von vielen Schritten und werde nicht alles ändern. Bis Ende Juni will das Finanzministerium über die Zollsenkungen beraten.

Schottland geht weiter

Während Reeves ihren Plan zurückzog, verfolgt Schottland ähnliche, aber strengere Ansätze. Dort ist ein gesetzlicher Deckel für wichtige Lebensmittel geplant – als vorübergehende Krisenmaßnahme. Das entsprechende Gesetz soll trotz Kritik aus der Branche noch vor Jahresende eingeführt werden. Die Debatte über Preisobergrenzen in Großbritannien ist damit noch nicht beendet.