Zwangsverhütung in Grönland: Ein dunkles Kapitel dänischer Kolonialgeschichte
Fünf Jahrzehnte nach den Ereignissen kann Naja Lyberth sich noch genau an die Ärzte in weißen Kitteln erinnern. Auch an die Metallbügel, das kalte Besteck, das Blut und die Schmerzen, die sie später als „Messerstiche“ in ihrem Unterleib beschreiben wird. Sie war gerade 14 Jahre alt, als ihr von einem fremden Arzt eine übergroße Spirale zur Verhütung eingesetzt wurde. So erging es Tausenden weiteren Mädchen und Frauen auf Grönland: Ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung wurden ihnen in den 1960er und 1970er Jahren Spiralen eingesetzt – auf Anweisung aus Kopenhagen. Der dänische Staat wollte in seiner ehemaligen Kolonie einen starken Bevölkerungsanstieg und die damit verbundenen Kosten verhindern.
Offizielle Entschuldigung und ihre Folgen
Erst im vergangenen Jahr bat Dänemark offiziell um Entschuldigung. „Liebe Frauen, liebe Familien und liebes Grönland, heute habe ich euch etwas Wichtiges zu sagen: Es tut mir leid“, sagte Regierungschefin Mette Frederiksen im September in Nuuk. Es waren historische Worte, denn bis dahin hatte Kopenhagen jegliches Verantwortungsgefühl vermissen lassen. Doch die Aufarbeitung des Verbrechens droht nun zu scheitern.
Verzögerung der Aufklärungskommission
Eine eigens eingesetzte Kommission sollte bei der Aufklärung helfen, doch die Arbeiten verzögern sich erheblich. Kritiker befürchten, dass politische Interessen und möglicherweise sogar die Entwicklung um Donald Trump Einfluss auf die Verzögerung haben könnten. Die Betroffenen fordern endlich Gerechtigkeit und eine vollständige Aufarbeitung der systematischen Zwangsverhütung.
Die dänische Regierung steht unter Druck, die Versprechen der Entschuldigung in Taten umzusetzen. Doch die Zeit drängt, denn viele der betroffenen Frauen sind bereits alt oder verstorben. Ohne eine zeitnahe Aufklärung droht das Unrecht in den Akten zu verschwinden.



