Zehn Jahre Brexit-Votum: Britischer Irrweg als Warnung für Europa
Zehn Jahre Brexit: Britischer Irrweg warnt Europa

Großbritannien wird bald den siebten Premierminister in zehn Jahren haben. Der angekündigte Rücktritt von Keir Starmer ist das jüngste Symptom einer anhaltenden Dauerkrise, die das Land seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 nicht mehr loslässt. Ein Kommentar von Anja Wehler-Schöck.

Starmers Rücktritt: Mehr als eine Personalie

Keir Starmer wollte im Chaos aufräumen, das der Brexit in Großbritannien angerichtet hat. Doch just vor dem zehnten Jahrestag des Referendums kündigte der Premierminister seinen Rücktritt an. Zweifellos hat Starmer Fehler begangen, die ihm persönlich anzulasten sind. Doch sein Rückzug ist mehr als eine politische Personalie – er ist das jüngste Symptom einer Dauerkrise, die das Land nicht mehr loslässt. Die britische Politik ist gezeichnet von anhaltender Instabilität und einem schweren Identitätskonflikt.

Sieben Premierminister in zehn Jahren

Starmers Nachfolger wird bereits der siebte Premierminister in den zehn Jahren seit dem Referendum sein. Auf die Frage, wofür Großbritannien steht, seit es sich 2016 für sich selbst entschieden hat, sind sie alle die Antwort schuldig geblieben. Die Brexit-Kampagne hat das Land tief gespalten. Hundertprozentig Recht behalten hat keine der beiden Seiten: Weder die „Remain“-Fraktion, die den sofortigen Untergang prophezeite, noch die „Brexiteers“, die ein „globales Britannien“ mit eigenen Deals, sinkenden Migrantenzahlen und einem Geldregen für den National Health Service versprachen. Nichts davon ist eingetreten.

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Bittere Bilanz zehn Jahre nach dem Referendum

Die Bilanz fällt bitter aus: Der Handel mit der EU und die Investitionen in Großbritannien sind deutlich gesunken. Das Office for Budget Responsibility, die unabhängige britische Haushaltsbehörde, prognostiziert einen langfristigen Produktivitätsverlust von vier Prozent gegenüber einem Verbleib in der EU. Kein sofortiger Untergang, sondern ein Abstieg auf Raten. Den meisten Briten ist das inzwischen bewusst: 56 Prozent würden heute für einen Wiedereintritt in die EU stimmen, nur noch 32 Prozent halten den Brexit für die richtige Entscheidung. Lediglich 18 Prozent der befragten Briten sehen die USA als verlässlichen Verbündeten, während sich drei Viertel engere Beziehungen zur EU wünschen.

Starmers Verdienst: Annäherung an Europa

Starmers Verdienst ist, dass er Großbritannien bereits auf den Weg eines „Reset“, einer erneuten Annäherung an Europa gebracht hat. Im Mai 2025 fand der erste offizielle EU-UK-Gipfel nach dem Brexit statt, am 22. Juli soll in Brüssel der zweite folgen. Ab 2027 nimmt Großbritannien wieder am europäischen Austauschprogramm „Erasmus“ teil. Sein voraussichtlicher Nachfolger Andy Burnham – ehemaliger Bürgermeister von Manchester und frischgewählter Labour-Abgeordneter – hat erklärt, einen Wiedereintritt in die EU auf absehbare Zeit nicht anzustreben. Ein kluger Schachzug, denn Nigel Farage, der Architekt des Brexit und Vorsitzende der rechtspopulistischen „Reform UK“, ist durch die Folgen des Brexit keineswegs geschwächt. Bei den Kommunalwahlen im Mai holte seine Partei das stärkste Ergebnis ein.

Pragmatischer Ansatz statt Polarisierung

Pragmatisch die Beziehungen zur EU zu vertiefen, ohne mit einem „Rejoin“ zu polarisieren, ist der erfolgversprechendere Ansatz. Denn die Richtung bleibt klar: Großbritannien wendet sich, Schritt für Schritt, wieder Europa zu. Gleichzeitig ist der Brexit ein Lehrstück für Europa. Die Briten haben einen hohen Preis bezahlt. Es ist kein Zufall, dass inzwischen die Mehrheit der rechtspopulistischen Parteien in Europa keinen EU-Austritt mehr fordert – nicht weil sie die EU lieben, sondern weil der Brexit ihnen vor Augen geführt hat, was der Preis ist.

Europa sollte aus dem Brexit lernen

Triumphgeschrei bleibt die falsche Antwort auf den Schaden, den der Brexit angerichtet hat. Europa sollte die britische Erfahrung nicht als Bestätigung seiner selbst lesen, sondern als Mahnung: Wenn Menschen gegen ihre eigenen Interessen wählen, hat die Politik versagt. Sie hat es versäumt zu erklären, was die EU leistet, sie hat Desinformation nicht effektiv bekämpft, und sie hat nicht offen benannt, dass eine Gemeinschaft zwangsläufig Kompromisse verlangt – und warum das kein Makel ist, sondern der Kern des Projekts.

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Strategischer Gewinn für den Kontinent

Europa sollte die Tür für Großbritannien offenhalten, sie sogar weit öffnen – nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Eigeninteresse. Auch Europa braucht Großbritannien: als Militärmacht mit eigenem Nukleararsenal, als eine der größten Volkswirtschaften der Welt, als Geheimdienstpartner von globaler Reichweite. Großbritannien zu ermöglichen, sich schrittweise wieder in die EU zu integrieren, ist kein Almosen an die Briten, sondern ein strategischer Gewinn für den Kontinent.