Am letzten Abend der Saison, Donnerstagabend im Konzerthaus, wird schon vor dem ersten Ton unmissverständlich klar, worum es gehen soll: „Aufschrei nach Freiheit und Frieden“ steht groß auf dem Programmheft. Gespielt werden „Plea for Peace“ von Augusta Read Thomas und „Never Give Up“ von Fazil Say. Zu Beginn tritt auch die Cellistin Camille Thomas vor das Publikum und spricht davon, dass Kunst Hoffnung geben könne. Das stimmt sicherlich. Doch, ob Musik nicht manchmal mehr sagt, wenn sie weniger behauptet?
„Plea for Peace“ und „Never Give Up“: Botschaften mit Illustrationscharakter
„Plea for Peace“ beginnt mit langen, in sich gehaltenen Tönen, die zu weichen Klangflächen aufblühen und an Barbers Adagio for Strings erinnern. Wenn später schrillere Farben und harmonische Reibungen dazukommen, bleibt aber selbst das Unerwartete im Erwartbaren. Fließend geht es mit Fazil Say weiter, der „Never Give Up“ 2017 nach den Pariser Terroranschlägen schrieb. Das Cello klagt, Bögen klappern perkussiv, das Schlagwerk versucht, Schüsse zu imitieren, legt Wasserrauschen unter einfache Tonfiguren. Einzelne Klangmomente sind interessant, aber die große Friedensbotschaft prangt der Musik einfach zu sichtbar auf der Stirn und wirkt mehr illustrativ als erschütternd.
Beethovens Pastorale: Wincor zeigt die Konstruktion der Natürlichkeit
Umso stärker wirkt nach der Pause Beethovens „Pastorale“. Katharina Wincor nimmt diese Musik mit spürbarem Zug, aber ohne ihrem Glanz zu verfallen. Sie schiebt das Orchester an, hält die Energie aber so weit zurück, dass die inneren Verhältnisse hörbar bleiben. Damit zeigt sie, dass die „Pastorale“ viel mehr ist als die unmittelbare Sinnlichkeit der Naturbilder ihres Programms. Sie ist eben auch durch und durch ein formbedachtes Musikwerk. Besonders deutlich wird das in den kadenzierenden Wiederholungen, die Wincor nicht weich auslaufen lässt, sondern statisch, gleichmäßig, makellos setzt. In diesen Momenten meint man, die Schnur zu sehen, an der die Illusion hängt. Es wird hörbar, wie künstlich diese Natürlichkeit gebaut ist und wie viel Wahrheit doch darin liegt.
Gewitter und Trost: Der Saal schrumpft für einen Moment
Wenn im dritten Satz das „Lustige Zusammensein der Landleute“ vom Gewitter des vierten gesprengt wird, zeigt sich dieser Spielraum. Weil Wincor die Musik zuvor nicht mit Wirkung überlädt, kann ihre Überzeichnung plötzlich ernst werden. Tremoli ziehen auf, Blech und Pauken brechen herein, der Saal scheint für einen Moment zu schrumpfen. Ausgerechnet die „Pastorale“ sagt am Ende mehr über Trost und Frieden als die ganze erste Hälfte des Konzerts. Sie ruft den Frieden nicht auf die Bühne, sie findet ihn in der Natur, im Gehen, im Hören, im Licht, das durch die Wolken bricht. Zuvor wurde Hoffnung behauptet, nun war sie erfahrbar.



