Baumkontrollen in Berlin und Brandenburg nach tödlichem Unglück bei Flensburg
Am Ostersonntag kam es zu einer tragischen Verkettung von Umständen in einem Wald bei Flensburg: Ein Baum stürzte bei starken Böen um und klemmte vier Menschen ein, drei von ihnen verloren dabei ihr Leben. Dieses schwere Unglück wirft grundlegende Fragen auf: Wer hat eigentlich in Berlin die Bäume im Blick? Und wie sieht die Situation in den Brandenburger Wäldern aus? Die Antworten sind komplex und betreffen Millionen von Stadtbäumen und Waldflächen.
Wer kontrolliert in Berlin die Bäume?
Im Berliner Stadtgebiet übernehmen die Grünämter der zwölf Bezirke die regelmäßige Überprüfung der Bäume. „Das findet regelmäßig statt“, betonte Petra Nelken, Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt. Die Kontrollkräfte untersuchen dabei Bäume an Straßen, in Parkanlagen, auf Spielplätzen und Sportstätten. Die Häufigkeit variiert zwischen den Bezirken: Während in Neukölln jeder der mehr als 20.000 Straßenbäume jährlich überprüft wird, finden im Bezirk Mitte sogar zwei Kontrollen pro Jahr statt – einmal ohne und einmal mit Laub.
Für die Wälder der Hauptstadt sind die Berliner Forsten zuständig. Hier gelten besondere Regeln: In der Nähe von Waldwegen können Bäume gezielt gefällt oder Äste entfernt werden, wofür Wege vorübergehend gesperrt werden. Mitten im Wald jedoch dürfen Bäume umfallen – dies gehört zum natürlichen Lebenszyklus, wie Sprecherin Nelken erklärte. Diese umgestürzten Bäume bleiben meist liegen, da sie Insekten und Pilzen als wichtiger Lebensraum dienen.
Wie standfest sind die Bäume wirklich?
„Gesunde Bäume sind in der Regel standfest und widerstandsfähig gegen normalen Wind“, teilte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mit. Allerdings können verschiedene Faktoren die Standfestigkeit beeinträchtigen:
- Windrichtung und Windstärke
- Vitalität des Baumes
- Pilzbefall
- Trockenstress durch Klimawandel
Das Bezirksamt Mitte wies besonders auf die Auswirkungen der Trockenheit hin: „Aufgrund der Trockenheit der vergangenen Jahre sind viele Bäume geschwächt. Den Bäumen ist eine fehlende Standsicherheit nicht immer anzusehen. Dafür sind regelmäßige Kontrollen erforderlich.“
Baumarbeiten und Gefahrenabwehr in der Stadt
Die Baumpflegearbeiten in Berlin umfassen ein breites Spektrum: Von der Freischneidung von Fassaden über die Beseitigung von Sturmschäden bis hin zur kompletten Fällung gefährlicher Bäume. Bei akuten Gefahren reagieren die Bezirke schnell: „Wenn Schäden festgestellt werden, die ein sofortiges Handeln nötig machen, werden die betreffenden Bäume umgehend gesperrt und zeitnah beschnitten oder gefällt“, erklärte das Bezirksamt Pankow.
Für Spaziergänger gilt grundsätzlich: Alltagswachsamkeit reicht normalerweise aus. Bei Unwettern sollte das Verhalten jedoch angepasst werden. „Parks und Grünanlagen sollten dann gemieden werden“, riet das Bezirksamt Mitte, da Bäume unvermittelt umstürzen oder Äste herabfallen können.
Vergangene Baumunfälle in Berlin
Berlin hat bereits mehrere schwere Baumunfälle erlebt. Vergangenen Sommer verursachten schwere Stürme insbesondere in den Wäldern erhebliche Schäden. Im Stadtgebiet fielen immer wieder Bäume um und verletzten Menschen. Vor zwei Jahren wurden in Berlin-Friedenau vier Menschen durch eine umgestürzte Roteiche verletzt, darunter zwei Kleinkinder. Bei dem Baum wurde Pilzbefall festgestellt.
Ein besonders tragischer Fall beschäftigte lange die Justiz: Im Oktober 2019 starb eine Frau im Berliner Grunewald durch einen umstürzenden Baum. Der zuständige Revierförster kam wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung vor Gericht und wurde im Dezember 2022 vom Landgericht Berlin im Berufungsprozess erneut freigesprochen. Auch dieser Baum war von einem Pilz befallen gewesen.
Die besondere Situation in Brandenburg
In Brandenburg zeigt sich die Problematik besonders deutlich in den historischen Parkanlagen. Am Park Sanssouci in Potsdam weisen feste Warnschilder Spaziergänger auf die Gefahr des Astbruchs hin. Laut der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sind 80 Prozent der Gehölze als Folge des Klimawandels und der Trockenheit geschädigt. Hunderte Bäume sind bereits abgestorben.
Die Stiftung setzt moderne Technik ein: „Auch Drohnen sind in den Parkanlagen in Sanssouci, Babelsberg und im Neuen Garten in Potsdam im Einsatz, um den Zustand der Bäume verfolgen zu können“, erklärte ein Sprecher. Zur aktuellen Gefahrenlage sagte er: „Es kann immer wieder passieren, dass Äste abgeworfen werden und Bäume umfallen. Der Winter war extrem trocken, der Blattaustrieb ist noch schwach.“ Parkbesucher sollten sich nicht unter Bäumen aufhalten und auf den Wegen bleiben.
Rechtliche Lage in den Wäldern Brandenburgs
Für Waldbesucher gilt in Brandenburg eine klare rechtliche Situation: „Waldbesucher müssen mit einem gewissen Risiko leben“, sagte Raimund Engel, Experte beim Landesbetrieb Forst Brandenburg. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs von 2012 müssen Waldbesitzer nicht für waldtypische Gefahren haften – etwa wenn ein Baum im Sturm umfällt.
Engel erläuterte: „Ein morscher oder abgestorbener Baum oder auch Schlaglöcher auf Wegen sind waldtypische Gefahren, auf die man sich einstellen muss, wenn man den Wald betritt.“ Anders verhalte es sich bei künstlichen Einrichtungen: Wenn Sitzbänke oder Schutzhütten zusammenbrächen, müsse der Waldbesitzer haften. Der Landesbetrieb kontrolliere zwar den Zustand von Bäumen, aber „ein gewisses Gefahrenpotenzial im Wald lässt sich nie ganz ausschließen“.
Die Baumkontrollen in Berlin und Brandenburg zeigen somit ein differenziertes Bild: Während in der Stadt intensive Kontrollen und schnelle Eingriffe möglich sind, bleibt im Wald ein Restrisiko, das Besucher bewusst eingehen müssen. Die zunehmende Trockenheit durch den Klimawandel verschärft diese Herausforderungen für beide Bundesländer.



