Biber-Familie in Thüringen: Fressanfall und Bauarbeiten am Tonndorfbach
Am Ufer des Tonndorfbaches in Thüringen bietet sich ein beeindruckendes Bild: Zahlreiche Erlen und Weiden liegen kreuz und quer, als hätte ein Sturm gewütet. Doch der Verursacher ist kein Unwetter, sondern eine fleißige Biberfamilie. Mindestens zwölf Bäume wurden in kurzer Zeit gefällt, was den Eindruck eines kleinen Schlachtfeldes erweckt.
Opulentes Abendessen für die Nager
Marcus Orlamünder, Biberexperte beim Naturschutzbund Thüringen, erklärt: „Was wir hier sehen, sind die Reste eines opulenten Abendessens von mindestens drei Bibern. Das war eine ganze Familie mit einem sehr großen Appetit.“ Pro Nacht verzehrt ein Biber etwa ein Kilogramm Rinde. Die Tiere stehen unter strengem Naturschutz – eine Erfolgsgeschichte, denn während es Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch rund 200 Exemplare in Deutschland gab, sind es heute wieder knapp 40.000.
Nachhaltige Baumeister der Natur
Doch den Bibern ging es nicht allein um die Nahrungsaufnahme. Die gefällten Bäume dienen als Baumaterial für ihre Staudämme, mit denen sie ihr Revier gestalten. Anfang April bereiten sich die Tiere auf den erwarteten Nachwuchs im Mai und Juni vor. Orlamünder betont: „Die gefällten Bäume dürfen auf keinen Fall beseitigt werden! Sie werden Stück für Stück von den Bibern abgeholt und verbaut.“
Der Experte hebt die ökologische Bedeutung der Biber hervor: „Der Biber gilt als Motor der Biodiversität. In seinem geschaffenen Revier siedeln sich Amphibien, Ringelnattern, Fische, Vögel und Libellen an.“ Zudem handele der Biber nachhaltig: „Er fällt nur so viele Bäume, wie er tatsächlich braucht.“
Wanderfreudige Tiere mit Heimatgefühl
Seit 2018 leben Biber im Raum Bad Berka an der Ilm und ihren Nebenarmen wie dem Tonndorfbach. Die ersten Tiere kamen bereits 2007 aus Sachsen-Anhalt oder Hessen nach Thüringen. Biber können auf der Suche nach einem optimalen Revier bis zu 200 Kilometer weit wandern. Haben sie einen passenden Lebensraum gefunden, bleiben sie dort ein Leben lang.
Akzeptanz in der Bevölkerung
Die etwa 650 Einwohner von Tonndorf haben sich mit den Nagern arrangiert. Gärtner Kai Engel sagt: „Mich stören die Biber nicht. Sie gehören zum Ökosystem, man soll sie in Frieden lassen.“ Auch Rentnerin Inge Spangenberg zeigt Verständnis: „Sie legen Bäume um, das ist klar. Aber es ist ihr Futter. Früher kannte ich die putzigen Tiere nur aus dem Fernsehen, nun haben wir sie direkt vor unserer Haustür. Das ist faszinierend.“
Die Biberfamilie am Tonndorfbach demonstriert eindrucksvoll, wie geschützte Tierarten ihren Platz in der Natur zurückerobern und dabei das ökologische Gleichgewicht fördern. Ihre Aktivitäten sind ein lebendiges Beispiel für erfolgreichen Artenschutz und die Wiederansiedlung heimischer Wildtiere.



