Unser Gehirn schrumpft: Sind wir intelligenter als unsere Vorfahren?
Gehirn schrumpft: Sind wir intelligenter?

Berlin. Ist es möglich, dass wir intelligenter werden, während unser Gehirn schrumpft? Dieser Frage sind Wissenschaftler auf den Grund gegangen. Im Rahmen verschiedener wissenschaftlicher Studien konnten Forscher eine Verkleinerung des menschlichen Gehirns im Verlauf der Evolution nachweisen. Das Wissenschaftsmagazin „Live Science“ ging dabei der Frage nach, ob der moderne Mensch trotz dieses Rückgangs möglicherweise intelligenter ist als seine Vorfahren vor mehr als 11.700 Jahren. Besonders bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang eine Hypothese, nach der das starke Bevölkerungswachstum eine zentrale Rolle bei der Schrumpfung des Gehirnvolumens gespielt haben könnte.

Ist das menschliche Gehirn kleiner geworden?

Für die wissenschaftliche Einordnung dieser Untersuchungen ist zunächst entscheidend, dass die Größe des menschlichen Gehirns nicht unmittelbar mit Intelligenz gleichgesetzt werden kann. Darauf weist Anthropologe Jeremy DeSilva gegenüber „Live Science“ hin. So verfügte etwa Albert Einstein über ein vergleichsweise kleines Gehirn und gilt dennoch als eines der bedeutendsten Genies. Verantwortlich für seine außergewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten waren nach heutiger Einschätzung vielmehr besondere Faltungsmuster in mehreren Regionen des Gehirns.

Ungeachtet dessen vertreten verschiedene Wissenschaftler die Auffassung, dass das menschliche Gehirn im Verlauf des Holozäns, also in der Zeitspanne von vor rund 11.700 Jahren bis heute, kleiner geworden ist. Diese Ansicht teilt unter anderem Maciej Henneberg, emeritierter Professor für anthropologische und vergleichende Anatomie an der Universität Adelaide in Australien. Seine Forschungsergebnisse deuten auf eine Verringerung des durchschnittlichen Gehirnvolumens um etwa zehn Prozent beziehungsweise rund 150 Milliliter hin.

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Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte auch Jeremy DeSilva, der mehr als 5000 menschliche Schädel aus Europa, Asien, Afrika und Australien untersuchte. Ein Großteil dieser Funde stammt ebenfalls aus dem Holozän. Unterstützung erhalten diese Annahmen zudem von Jeff Stibel, der darauf verweist, dass die Erwärmungsphase des Holozäns zeitlich mit einer Verringerung der Gehirngröße des modernen Menschen um mehr als zehn Prozent zusammenfällt.

Allerdings ist diese These innerhalb der Wissenschaft nicht unumstritten. Brian Villmoare sowie John Hawks bezweifeln eine derart allgemeingültige Schlussfolgerung. Ihrer Ansicht nach weisen die bisherigen Untersuchungen methodische Einschränkungen auf, da beispielsweise Männer europäischer Herkunft in vielen Studien überrepräsentiert sind. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns müsse daher differenzierter und unter Berücksichtigung weiterer biologischer sowie kultureller Faktoren betrachtet werden.

Was waren die Gründe für das Schrumpfen des Gehirns?

Ausgehend von der Annahme, dass das menschliche Gehirn im Verlauf der Evolution kleiner geworden ist, diskutieren Wissenschaftler mehrere mögliche Ursachen. Eine wichtige Hypothese steht im Zusammenhang mit der Einführung der Landwirtschaft und dem sesshaften Leben in Gemeinschaften. Im Vergleich zu Jägern und Sammlern waren geringere körperliche Anforderungen notwendig, wodurch kleinere Körper mit geringerem Energiebedarf entstanden. Dies könnte langfristig auch die Entwicklung des Gehirns beeinflusst haben.

Ein weiterer Ansatz betrifft das Klima. Die Bergmann- und die Allen-Regel beschreiben, dass Körper und Organe in wärmeren Regionen tendenziell schlanker ausfallen, um Wärme besser abzugeben. Einige Forscher vermuten daher, dass die Erwärmung während des Holozäns auch Auswirkungen auf die Gehirngröße hatte. Interessant ist zudem die Annahme, dass das starke Bevölkerungswachstum und die zunehmende gesellschaftliche Komplexität eine Rolle spielten. Menschen müssen heute nicht mehr sämtliches Wissen selbst besitzen, sondern spezialisieren sich auf bestimmte Bereiche und greifen auf kollektives sowie technologisch gespeichertes Wissen zurück. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler könnte diese Form gemeinschaftlicher Intelligenz zur Verkleinerung des Gehirns beigetragen haben.

Die Forscher betonen jedoch, dass der Mensch dadurch nicht weniger intelligent geworden sei. Vielmehr habe sich die Intelligenz von individueller Denkleistung hin zu stärker vernetztem und technologischem Wissen entwickelt.

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