Gibt es eine zweite Erde? Diese Frage treibt Wissenschaftler seit Langem um. Die Europäer wollen nun mit einem spektakulären Projekt besonders genau hinschauen. Der Satellit Plato, entwickelt von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), soll ferne Sternensysteme beobachten und Hinweise auf erdähnliche Planeten liefern. Was Forscher begeistert, bringt die Raumfahrtindustrie an die Grenze des Möglichen und beweist, wie leistungsfähig Europa trotz komplizierter Strukturen ist.
Der Planetenjäger Plato im Detail
Das ist also Plato, der Planetenjäger: Unten eine schwarz verkleidete Kiste, ein paar kurze Streben und obendrauf etwas, das einer kleinen Tribüne ähnelt, auf der 26 große Becher mit schrägem Deckel stehen – die Kameras. Drum herum goldfarbene Folie, an der Seite ausgeklappte silberne Paneele. Dahinter stehen Techniker an einem Laptop. Sie tragen weiße Kittel und Haarnetze, schließlich ist das hier ein Reinraum.
Thomas Walloschek, Plato-Projektleiter der ESA am Technikzentrum Estec im niederländischen Noordwijk, schaut noch einmal genau hin, obwohl er den Satelliten sehr gut kennt. „Schon erstaunlich, dass alle auf das gleiche Ziel hingearbeitet haben“, sagt er. „Alle“ sind rund 220 wissenschaftliche Organisationen und Unternehmen aus 29 europäischen Ländern, die sich seit 2009 mit Plato beschäftigen. Die Mission ist eines der größten Projekte der ESA und wird insgesamt rund eine Milliarde Euro kosten – inklusive Satellit, Startrakete, Betrieb und Datenauswertung.
Aufbau und Technik des Satelliten
Der Satellitenbauer OHB aus Bremen sicherte sich den Generalauftrag. Mit dabei sind die französisch-britische Thales Alenia Space und Beyond Gravity aus der Schweiz. Wie in Europa üblich, müssen Firmen in allen beteiligten Ländern nach deren Anteil am ESA-Budget eingebunden werden. OHB koordinierte und baute Plato am Standort Oberpfaffenhofen bei München zusammen.
Der Satellit besteht grob aus drei Teilen: der Antriebs- und Steuereinheit (Servicemodul), dem Kamerablock und dem Solarpanel, das Strom liefert und gleichzeitig die Kameras wie eine überdimensionierte Mütze vor Sonnenlicht schützt. Das Panel ist aufgeklappt mehr als neun Meter breit und über vier Meter hoch. Insgesamt wiegt Plato beim Start rund 2,1 Tonnen – etwa so viel wie ein neuer VW-Bus, ist aber deutlich größer.
Europäische Zusammenarbeit als Schlüssel
„Die europäische Kooperation ist so wichtig“, sagt Heike Rauer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Reinraum. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Projekts. „Plato zeigt, dass es geht.“ Der Satellit demonstriert, was möglich ist, wenn Wissenschaft und Industrie eng zusammenarbeiten. Bei den Kameras handelt es sich um Einzelanfertigungen, wie Walloschek betont. Die Wissenschaftler gestalteten Kameras und Computer, die Industrie setzte sie um. Teile lieferten unter anderem Firmen aus Deutschland, Großbritannien, Italien, der Schweiz und Spanien.
Der Chip einer Kamera ist etwa acht mal acht Zentimeter groß und verfügt über mehr als 81 Megapixel Auflösung – zum Vergleich: Top-Smartphones nutzen 48 bis 50 Megapixel. Insgesamt werden 2,12 Gigapixel ins All schauen.
Extremtests und Präzision
Plato soll erdähnliche, feste Planeten in der Milchstraße entdecken. Dafür wird er auf einer Linie von der Sonne über die Erde hinaus etwa 1,5 Millionen Kilometer entfernt stationiert. Die Kameras sind ins All gerichtet und sollen zunächst mehr als 150.000 Sterne am südlichen Himmel beobachten.
Dort draußen herrschen harte Bedingungen: Vakuum, Kälte, Hitze. Am Estec betreibt die ESA eine Art Folterkammer, die das All nachbilden kann. Plato steckte dort mehrere Wochen. Auf der Sonnenseite lieferte die Kammer 160 Grad, auf der Kameraseite minus 80 Grad – die optimale Betriebstemperatur für die Kameras.
Die geforderte Präzision ist enorm. Plato sucht nach kleinen Abweichungen im Licht von Sternen, die entstehen, wenn ein Planet vorbeifliegt. Auf die Erde übertragen können die Kameras ein Sandkorn aus einem Kilometer Entfernung drei Monate lang verfolgen.
Start und Missionsdauer
Im Vergleich zu den Kameras ist das Servicemodul geradezu konventionell. Es fußt auf einer Art Satellitenstandardmodell von OHB. Die Mission ist auf vier Jahre angelegt, aber Plato lässt sich länger einsetzen – die Industrie plant mit 8,5 Jahren.
Getestet wurde am Estec auch, ob der Satellit den Start gut übersteht. Die Kameraeinheit ist nur über sechs Streben mit dem Servicemodul verbunden, damit Letzteres den Blick ins All nicht stört. Die ESA-Techniker simulierten bereits die Vibrationen beim Raketenstart – Plato hat bestanden.
Wenn die Techniker fertig sind, wird der Satellit nach Französisch-Guayana verschifft. Dort soll er mit einer Ariane-6-Rakete Anfang 2027 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou starten. Nach der Ankunft am Zielpunkt benötigen die Experten etwa drei Monate für die Feineinstellung. Im Mai 2027 übernehmen, wenn alles gut läuft, die Wissenschaftler. Und vielleicht findet sich dann ein erdähnlicher Planet in den Weiten des Alls.



