KI-Boom trifft auf Bürgerprotest: Rechenzentrum in Maintal vorerst gestoppt
KI-Boom: Rechenzentrum in Maintal vorerst gestoppt

Es begann als milliardenschweres Vorzeigeprojekt und ist inzwischen ein Streitobjekt: Als die US-Firma Edgeconnex im vergangenen Herbst erklärte, dass sie auf einem ehemaligen Industriestandort im hessischen Maintal ein neues, großes Rechenzentrum errichten wolle, war die Resonanz im Ort zunächst wohlwollend. Man könne froh über die verkehrsarme Nachnutzung sein, freute sich damals die parteilose Bürgermeisterin Monika Böttcher und verwies auf die steigenden Gewerbesteuereinnahmen. Doch inzwischen steht der Bau vor ungewissen Zeiten. Der Grund: die wachsenden Proteste der Bürger.

Der Investor hat das Projekt vor wenigen Wochen vorerst beiseitegelegt. Wie es weitergeht, ist offen. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das kein gutes Zeichen. Rechenzentren sind digitale Schlagadern, die Deutschland nach dem Willen von Bundesregierung und Konzernen dringend braucht: für Künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Dienste und die digitale Souveränität Europas. Doch der Fall Maintal zeigt wie im Brennglas, warum Bürger gegen einzelne Projekte auf die Barrikaden gehen – und was das über die Probleme des KI-Booms erzählt.

Der Ort des Konflikts: Dörnigheim in Maintal

Der Ort, um den in Maintal so intensiv gestritten wird, wirkt unspektakulär. Nicht einmal ein Schild verkündet bisher auf dem rund 3,8 Hektar großen Gelände des ehemaligen Sirius-Business-Parks in Dörnigheim von den großen Plänen, die hier realisiert werden sollen. Auf dem Gelände sollte bis Ende 2027 ein erster Block des Rechenzentrums sowie ein zugehöriges Bürohaus in Betrieb gehen. Dieser Plan ist nun obsolet.

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Edgeconnex hat sich eine Denkpause verordnet. Die US-Firma wolle das Projekt nicht gegen den Widerstand der Bevölkerung und der Stadtverordnetenversammlung durchsetzen, sagte Bürgermeisterin Böttcher, als sie den Stadtverordneten im Mai dieses Jahres den vorläufigen Stopp verkündete. Der US-Konzern selbst und sein Projektentwickler wollten sich zu dem Thema nicht äußern.

Warum die Bürger protestieren

Die Menschen in Maintal protestieren nicht, weil sie grundsätzlich keine Rechenzentren im Ort wollen. Ihre Kritik richtet sich gegen die Dimension des Projekts – und gegen die geplante Energieversorgung. Der Konflikt leuchtet damit in eine dunklere Ecke des schillernden KI-Traums: seinen enormen Energiehunger. Im Raum Frankfurt warten Betreiber oft Jahre auf einen Stromanschluss für ihre energiefressenden Anlagen. Edgeconnex wurde in Maintal ein regulärer Netzanschluss frühestens für 2037 in Aussicht gestellt – elf Jahre. Auch deshalb fiel die Entscheidung für die Eigenversorgung: ein eigenes Kraftwerk auf Gasbasis, eigens für die Anlage errichtet.

Was technisch klingt, löste vor Ort zunehmende Zweifel aus. 633.000 Tonnen CO₂ pro Jahr, sagt Thomas Schadt, einer der bekanntesten Köpfe des Widerstands, und hält eine DIN-A4-Seite mit Berechnungen in die Höhe, als wäre sie ein Beweisstück. Schadt ist Ingenieur, war lange Lufthansa-Verkehrsleiter, kennt sich aus mit Maschinen und Größenordnungen. Er übersetzt die Zahl in ein Bild, das ihm vertraut ist: Das entspräche rund drei Vierteln aller Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen – samt des Bodenverkehrs dort.

Die Lücke zwischen politischem Versprechen und kommunaler Realität

Zwischen dem politischen Versprechen einer KI-getriebenen Wachstumsära und der Wirklichkeit in Deutschlands Kommunen klafft damit eine Lücke. Der Boom trifft auf eine Bevölkerung, die sensibler geworden ist – für Flächenverbrauch, Energiebedarf und industrielle Großprojekte vor der eigenen Haustür. Was in Berlin oder Brüssel wie ein strategisches Zukunftsprojekt klingt, wird vor Ort schnell zur Auseinandersetzung über sehr Konkretes: Trafostationen, Kühlsysteme, CO₂-Bilanzen.

Dabei fließen gerade Milliarden in die Branche, und vor allem ins Umland von Frankfurt, ohnehin schon der größte Rechenzentrumsstandort des Landes. Die Nähe zum Internetknoten DE-CIX, leistungsfähige Netze und die zentrale Lage haben die Gegend zum Magneten für internationale Betreiber gemacht. Politiker sprechen vom Zukunftsmarkt, Wirtschaftsverbände von einer historischen Chance. „Rechenleistung ist der neue Rohstoff. Und Rechenzentren sind die neuen Raffinerien“, begründet Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) das Engagement der Bundesregierung.

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Widerstand auch in anderen Kommunen

Doch gerade in der Rhein-Main-Region zeigt sich, dass das auch für Konflikte sorgt. Bürgermeister geraten in eine Klemme zwischen Standortpolitik und Bürgerprotest. So wächst auch anderswo der Widerstand: Die südhessische Kreisstadt Groß-Gerau stoppte bereits im Februar den Bau eines milliardenschweren Rechenzentrums komplett. „Bye-bye Rechenzentrum – Milliarden-Deal glücklich geplatzt“, jubelte anschließend der Ortsverband der Grünen.

Der dortige Streit ist exemplarisch: Der Wettlauf um die Infrastruktur der KI entscheidet sich nicht nur in den Vorstandsetagen oder Ministerien, sondern auch in Turnhallen, Stadtverordnetenversammlungen und Bürgerversammlungen – dort, wo die Erzählung vom Fortschritt auf die konkrete Lebenswirklichkeit einer Kommune trifft.

Die Köpfe des Widerstands: Zwei Ingenieure

Es ist drückend warm an diesem Vormittag in Maintal, doch die Hitze bremst weder Thomas Schadt noch Mark Behrend. Behrend ist ebenfalls Ingenieur, früher fuhr er als Kapitän für Hapag-Lloyd zur See. Jetzt zieht sein Mitstreiter immer wieder Aktenmappen aus einer schwarzen Tasche, breitet Unterlagen aus, tippt auf Schaubilder. Die beiden sind im Ort zu den Gesichtern des Protestes gegen das Edgeconnex-Projekt geworden. Es waren nicht die politische Opposition oder organisierte Umweltverbände, die zuerst auf die Barrikaden gingen, sondern die zwei Anwohner mit ihrem Know-how für Motoren und Zahlen.

Als Bürgermeisterin Böttcher im Oktober 2025 in der Lokalpresse erstmals ankündigte, dass Edgeconnex ein Rechenzentrum bauen wolle, nannte sie keine Ziffern zu Strom- oder Wasserverbrauch und Abgasen – auch weil ihr wohl nicht alle Daten vorlagen. Vor allem blieb unerwähnt, dass ein Gaskraftwerk zur Versorgung geplant war – eines der größten seiner Art in Deutschland. Schadt und Behrend begannen, unabhängig voneinander zu rechnen. Das Ergebnis erschreckte sie. „In Maintal wäre faktisch kein Rechenzentrum entstanden, sondern ein Gaskraftwerk mit angeschlossenen Serverrechnern – ohne entsprechende Einordnung als Energieanlage industriellen Maßstabs“, sagt Behrend. „So sah das Projekt für die Energieversorgung zehn von den weltweit größten Gasmotoren vor“, sagt der Ex-Kapitän mit dem weißen Bart – ergänzt um 80 Dieselmotoren ohne Partikelfilter für den Notfall.

Sie machten Druck, wo sie konnten: mit einer gedruckten Stellungnahme an den Magistrat, mit Flyern, Instagram-Posts und einer Informationsveranstaltung im Februar, zu der 200 Menschen kamen. Sie bearbeiteten die Lokalpolitik. Und sie betonten immer wieder, nicht grundsätzlich gegen Rechenzentren zu sein – nur die Dimension halten sie für eine Stadt wie Maintal für nicht vertretbar.

Mehrere Rechenzentren in Planung

Der Hinweis hat Gewicht, denn inzwischen sind in dem 40.000-Einwohner-Ort gleich mehrere Anlagen in Planung. Auch Amazon will hier bauen, ebenso der Betreiber North-C. In Virginia, am Firmensitz von Edgeconnex, tat das Management lange wenig, um die Kritiker zu besänftigen. Erst im Januar legte der Konzern eine Stellungnahme vor: Die maximale elektrische Anschlussleistung von 168 Megawatt decke Spitzenlasten ab und werde nur „an punktuellen Hochsommertagen bei voller Auslastung“ abgerufen. Doch die Stimmung konnte das nicht mehr drehen. Am Ende stellten sich alle örtlichen Parteien gegen das Projekt.

„Rechenzentren seien für Kommunen so interessant wie Atommüllendlager“, sagte Jörg Schuschkow von der Fraktion der regionalen Wahlalternative Maintal vor einigen Wochen im Stadtparlament. Die hessische Landesregierung setzt deshalb auf eine Neuverteilung der Gewerbesteuer, um die Anlagen für Standortkommunen attraktiver zu machen. Noch ist das Zukunftsmusik.

Verändert aber hat der Streit den Ort schon jetzt. Amazon bemüht sich bei seinem Vorhaben sichtbar um Transparenz: lud vor wenigen Tagen zur Info-Veranstaltung, beantwortete Fragen, sammelte Feedback, spricht von einer langfristigen Partnerschaft mit der Stadt. Es gibt zudem einen entscheidenden Unterschied: Bei Amazon ist der Strombedarf geklärt, weil dort bereits ein eigenes Umspannwerk steht. „Ich sehe das nicht so kritisch“, sagt selbst Schadt mit Blick auf dieses Projekt. Der Unterschied sei das fehlende Gaskraftwerk.

Wie geht es weiter mit Edgeconnex?

Edgeconnex, das das Grundstück bereits gekauft hat, prüfe derzeit, in welcher Form die Bedenken der Anwohner bei der weiteren Planung berücksichtigt werden können, sagt Bürgermeisterin Böttcher. Ob sich das Projekt dann noch rechne, müsse neu kalkuliert werden. Trivial ist das nicht: Wind und Sonne liefern wetterabhängig schwankende Erträge, Rechenzentren brauchen dagegen rund um die Uhr eine stabile und verlässliche Stromversorgung.

Die Energieversorgung wird damit auf kommunaler Ebene zur Achillesferse des KI-Booms. Der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren ist enorm. Einer Studie der Internationalen Energieagentur zufolge wird er von 2024 bis 2030 jährlich um etwa 15 Prozent wachsen – mehr als viermal so schnell wie der Gesamtstromverbrauch aller anderen Sektoren.

„Der zu geringe Netzausbau und insbesondere die Geschwindigkeit von Netzanschlüssen werden zum Flaschenhals“, sagt Nadine Gelke, bei CBRE für das Geschäft mit deutschen Rechenzentren zuständig. Während die Bauzeit eines Rechenzentrums 18 bis 24 Monate betrage, sei der Stromanschluss die große Herausforderung. Er könne bis zu zehn Jahre auf sich warten lassen.

Vergleich mit den USA

Was in Deutschland für Aufregung sorgt, ist in den USA bereits üblich: Dort werden für Rechenzentren im großen Stil Gaskraftwerke gebaut – teils direkt auf dem Campus. Ein Google-Rechenzentrum in Texas wird dem britischen „Guardian“ zufolge künftig bis zu 4,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr ausstoßen – mehr als ganz San Francisco. Meta baut in den USA gerade gleich zehn Gaskraftwerke für einen einzigen Standort in Louisiana. Doch auch in den USA regen sich Proteste. „Der landesweite Widerstand ist sehr real. Man sieht, wie sich die lokalen Gemeinden stark dagegen wehren“, sagte diese Woche der Chef der US-Energiefirma Bloom Energy, K.R. Sridhar. „Wer von uns möchte schon ein Kraftwerk in seinem Hinterhof haben?“

Kapazitäten sollen sich verdoppeln

Aus Sicht der Unternehmen, die im KI-Wettlauf Tempo machen wollen, steht vor allem Geschwindigkeit im Vordergrund. Weltweit boomt der Rechenzentrumsbau, KI-Konzerne planen Neubauten im Wert von Hunderten Milliarden Dollar – und Deutschland möchte daran partizipieren. Laut der im Frühjahr vorgestellten Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung sollen die Kapazitäten bis 2030 mindestens verdoppelt werden, im Bereich Künstlicher Intelligenz sogar vervierfacht.

Gerade in Maintal bekommen die Anwohner zu spüren, was das konkret bedeutet. So kündigte diese Woche der Rechenzentrumsbetreiber North-C Datacenters an, im Stadtteil Dörnigheim ein drittes Rechenzentrum zu planen, das allerdings kleiner als die beiden anderen ausfallen soll. Zu den kritischen Themen Strom- und Wasserverbrauch gab die Firma noch keine Auskünfte. Ob sich all diese Projekte in dem 40.000-Einwohner-Ort politisch noch durchsetzen lassen, wirkt fraglich.

Die Immobilienexperten von Cushman & Wakefield sehen bereits eine neue Phase des Marktes heraufziehen. „Nach Jahren beschleunigter Expansion bleibt die Nachfrage nach Cloud-, KI- und Computer-Kapazitäten hoch, doch Stromverfügbarkeit, Netzanschlüsse, Regulierung, Genehmigungsverfahren und lokale Akzeptanz bestimmen zunehmend, wo neue Rechenzentrumskapazitäten entstehen können“, heißt es in ihrer Analyse. Der Fokus verschiebe sich dabei zu „sauberen Energien“, wie Solar, Wind, Wasser und Geothermie.

Maintal ist also kein Einzelfall. Auch in anderen Kommunen rund um Frankfurt bilden sich gegen Rechenzentren mittlerweile Bürgerinitiativen, etwa in Bad Vilbel und Schöneck. Andere Städte und Bürgerinitiativen hätten sich schon bei ihnen gemeldet, um ihren Rat einzuholen, verraten Schadt und Behrend. Die Proteste zeigen, dass es in Deutschland schwieriger wird, die globale KI-Revolution vor Ort umzusetzen.

Dennoch gibt es auch für das Maintaler Großprojekt noch einen Hoffnungsschimmer. So sieht Ingenieur Behrend für die Amerikaner durchaus Chancen für einen Neustart. „Kleiner, modularer und mit regenerativer Energieversorgung – dann können wir über das Rechenzentrum neu reden“, sagt er. „Wir sind keine Verhinderer. Wir sind nicht grundsätzlich gegen Hyperscaler, sondern gegen ein überdimensioniertes Gaskraftwerk.“