Vom Eiskanal in die Berge: Rodel-Olympiasieger bestehen Skimarathon-Herausforderung
Normalerweise rasen sie mit bis zu 140 Stundenkilometern den vereisten Kanal hinab. Doch jetzt bewiesen die deutschen Gold-Rodler Tobias Wendl (38) und Tobias Arlt (38) ihr außergewöhnliches sportliches Talent in einer völlig anderen Disziplin. Nur eineinhalb Monate nach ihrem Olympia-Erfolg in Cortina, wo sie ihre siebte Goldmedaille im Doppelsitzer gewannen, stellten sich die erfolgreichsten deutschen Wintersportler aller Zeiten einer neuen Herausforderung: dem berühmten Sellaronda Skimarathon in den italienischen Dolomiten.
42 Kilometer und 2700 Höhenmeter durch spektakuläre Felsformationen
Bei diesem Extrem-Event geht es auf Skiern über eine Strecke von 42 Kilometern mit 2700 Höhenmetern rund um das imposante Sella-Massiv. Die Route führt durch atemberaubende Felsformationen, deren höchster Gipfel der Piz Boè mit 3152 Metern ist. Der höchste Punkt der Marathonstrecke liegt am Übergang von Dantercepies auf 2298 Metern Höhe.
„Es war eine Wahnsinns-Erfahrung“, berichtete Tobias Wendl im Anschluss. „Wir hatten bis eineinhalb Wochen vor dem Start noch Weltcup. Dann haben wir uns noch eine Woche vorbereitet, haben 15.000 Höhenmeter gemacht.“ Die Vorbereitung zahlte sich aus: Das Duo erreichte nach etwas mehr als 5 Stunden und 4 Minuten das Ziel und belegte damit Platz 255 in der Gesamtwertung (Platz 206 bei den Männern). Von insgesamt 550 gestarteten Zweierteams schafften nur 448 die komplette Distanz. Die Siegerzeit lag bei 2 Stunden und 59 Minuten.
Brutale Bedingungen und unerwartete Herausforderungen
Die Sellaronda gehört zu den härtesten und gleichzeitig schönsten Skimarathon-Events weltweit. Besonders herausfordernd war der Abendstart um 18 Uhr, der bedeutete, dass sowohl Aufstiege als auch Abfahrten bei Dunkelheit absolviert werden mussten. Nur die Stirnlampen der Teilnehmer erhellten die Strecke spärlich.
Wendl schilderte die Strapazen: „Es war brutal. Du überholst auch welche, bei denen fragst du dich, ob die gleich abnippeln. Wir hatten uns 4:30 Stunden vorgenommen. Das haben wir nicht ganz geschafft. Es ist auch nicht alles glattgelaufen.“ Die Probleme waren vielfältig: Tobias Arlt litt unter brutalen Blasen an den Füßen, während Wendl mit extremer Kälte zu kämpfen hatte. „Mir war so kalt, dass ich bei der Abfahrt die Stöcke unter den Arm geklemmt und die Hände in die Taschen gesteckt habe. Dann habe ich die Stöcke verloren und musste sie wieder holen. Solche Fehler macht man halt beim ersten Mal.“
Vielseitiges Training als Erfolgsgeheimnis
Wie kommen die erfolgreichen Rodler überhaupt zum Skibergsteigen? Wendl und Arlt sind für ihr vielseitiges Training bekannt. Im Sommer legen sie tausende Kilometer auf dem Rennrad zurück, im Winter sind sie regelmäßig in den Bergen auf Skiern unterwegs. Ihre außergewöhnliche Fitness ist ein wesentlicher Faktor für ihre internationalen Erfolge im Rodeln.
Die Idee zur Teilnahme am Sellaronda entstand eher zufällig bei einem Mittagessen mit Extremsportlern in der Skifabrik ihres Partners „Dynafit“ im vergangenen November. Wendl erinnerte sich: „Da kam die Frage, ob wir nicht mal einen Skimarathon machen möchten. Da haben wir natürlich gleich ja gesagt. Wir haben aber gar nicht gewusst, worauf wir uns da einlassen.“
Olympia-Erfolg und alpine Herausforderung in unmittelbarer Nähe
Besonders interessant ist die geografische Nähe der beiden Sportevents: Der Startort Corvara liegt nur 20 Kilometer Luftlinie entfernt vom Olympia-Eiskanal in Cortina, wo Wendl und Arlt ihren historischen siebten Olympiasieg feierten. Während sie in Cortina auf präpariertem Eis ihre perfekten Kurven zogen, kämpften sie in den Dolomiten gegen Höhenmeter, Kälte und Erschöpfung.
Die größte Herausforderung des Skimarathons war jedoch die immense körperliche Anstrengung über vier Pässe hinweg. Als Team mussten die beiden Athleten die gesamte Strecke gemeinsam zurücklegen – eine Erfahrung, die ihre bereits legendäre Partnerschaft weiter festigte.
Dieses außergewöhnliche sportliche Abenteuer unterstreicht einmal mehr die Vielseitigkeit und mentale Stärke der deutschen Rodel-Legenden, die bewiesen haben, dass wahre Champions auch jenseits ihrer Spezialdisziplin Herausragendes leisten können.



