Die vergessene Legende: Eberhard Riedel und das alpine Skifahren in der DDR
Eberhard Riedel verkörperte eine sportliche Anomalie in der Deutschen Demokratischen Republik: Er war ein erfolgreicher alpiner Skifahrer in einem Staat, der diese Disziplin irgendwann systematisch ablehnte. Seine außergewöhnliche Karriere, die nun mit seinem Tod im Alter von 88 Jahren endete, offenbart eindrücklich, wie sehr der Kalte Krieg nicht nur politische Verhältnisse, sondern auch individuelle Sportlerbiografien prägte und zerstörte.
Der ungewöhnliche Schüler: Walter Ulbricht auf Skiern
Die Anekdote, die Riedel stets erzählen musste, wirkt aus heutiger Perspektive geradezu surreal: Im Jahr 1964 unterrichtete er den mächtigsten Mann des Staates im Skifahren. SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, damals bereits fast 70 Jahre alt, wollte unbedingt die Kunst des Wedelns erlernen, um den Fichtelberg elegant hinabzufahren. Riedel, der beste alpine Skifahrer der DDR, wurde auserwählt, dem Parteichef diese Fertigkeit beizubringen.
„Ich hatte dabei ein mulmiges Gefühl“, erinnerte sich Riedel später. Die Vorstellung, dass sich der Genosse Generalsekretär beim Unterricht etwas brechen könnte, war beängstigend. Doch alles ging gut, und Ulbricht kommentierte den Erfolg in seiner typisch nüchternen Art: „So schwer war das ja gar nicht.“
Die bittere Ironie: Dankbarkeit, die ausblieb
Fünf Jahre nach dieser besonderen Unterrichtsstunde zeigte die SED-Führung jedoch keinerlei Dankbarkeit für ihren einstigen Skilehrer. Im Zuge einer umfassenden Sportpolitik-Reform strich die Partei 1969 alle Disziplinen aus dem Förderprogramm, die den „Ruch des kapitalistischen Sports“ trugen. Neben Tennis fiel auch der alpine Skisport dieser ideologischen Säuberung zum Opfer.
Riedels Karriere wurde jäh abgeschnitten. Frustriert stellte der damals 31-Jährige seine Skier in die Ecke, obwohl er sich noch fit genug für internationale Wettbewerbe fühlte. Die Partei, die ihn zuvor hofiert und sogar als FDJ-Vertreter für die Volkskammer aufgestellt hatte, kannte in Sachen Sportplanung keine Gnade.
Alpiner Skisport unter widrigsten Bedingungen
Riedels Erfolge sind umso bemerkenswerter, wenn man die Rahmenbedingungen betrachtet, unter denen er trainieren musste. Als alpiner Skifahrer aus der DDR – kein Flachlandtiroler zwar, denn der Fichtelberg bringt es immerhin auf 1.215 Meter – war er gegenüber der internationalen Konkurrenz massiv benachteiligt.
- Die Trainingsbedingungen im Vogtland und Erzgebirge waren ein Witz gegenüber dem, was bayrische, österreichische oder schweizerische Skiregionen boten.
- Riedel präparierte seine Skier mit einfachem Bohnerwachs.
- Das Abfahrtstraining wurde auf der Seilbahntrasse in Oberwiesenthal simuliert.
- Im Sommer trainierte er auf gewässerten Wiesen.
„Not macht erfinderisch“, lautete Riedels Devise. Und diese Erfindungsgabe zahlte sich aus: Auf der berühmten Streif in Kitzbühel stellte er im Training sogar einmal die Bestzeit auf und wurde im Rennen Neunter – eine ehrenwerte Platzierung gegen Superstars wie Jean-Claude Killy, Willy Bogner und Karl Schranz.
Der große Triumph und olympische Wirren
Riedels eigentliches Metier war der Riesenslalom. Sein größter Triumph gelang ihm 1961 auf der tückisch steilen Piste des Chuenisbärgli im schweizerischen Adelboden, wo er die gesamte Weltelite düpierte und gewann. Mit spürbarem Stolz verwies er später darauf, dass es 53 Jahre brauchte, bis mit Felix Neureuther wieder ein Deutscher diesen prestigeträchtigen Wettbewerb gewann.
Dreimal nahm Riedel an Olympischen Winterspielen teil: 1960 in Squaw Valley, 1964 in Innsbruck und 1968 in Grenoble. Bereits um seine erste Teilnahme gab es erheblichen politischen Wirbel. 1960 trat Deutschland noch als gesamtdeutsches Team an, und um die Startplätze wurde erbittert zwischen West und Ost gefeilscht.
Der Deutsche Skiverband (DSV) nominierte zunächst vier Westdeutsche für die Abfahrt der Männer. Die DDR-Sportführung erhob Protest, da nach den Regeln des Weltverbandes FIS auch Vorjahresleistungen berücksichtigt werden sollten. Nach zähem Ringen setzten sich DSV-Chef Adolf Heine und Chef de Mission Georg Kunze gegen die westdeutsche Lobby durch: Der vierte Startplatz ging an Riedel, der im aktuellen Olympiawinter besser abgeschnitten hatte als sein westdeutscher Konkurrent Fritz Wagnerberger.
Das abrupte Ende und der späte Neuanfang
Nach dem Ende des alpinen Skisports in der DDR musste Riedel seinen Reisepass abgeben. Fahrten ins westliche Ausland, die bis dahin selbstverständlich gewesen waren, fanden nicht mehr statt. Er wechselte ins Trainerfach und betreute unter anderem Fußballer bei Wismut Aue sowie Skisprungtalente – darunter auch den späteren Olympiasieger Jens Weißflog.
Erst nach der Wende 1989 konnte Riedel die alpinen Austragungsorte im Westen wieder besuchen. In Adelboden wurde sein Fußabdruck in Beton gegossen und auf dem Place of Fame verewigt – eine späte, aber würdige Anerkennung für einen Sportler, dessen Karriere von politischen Zwängen geprägt war.
Bis ins hohe Alter stand Eberhard Riedel auf Skiern. Mit seinem Tod an Ostersonntag ist nicht nur eine außergewöhnliche Sportlerpersönlichkeit von uns gegangen, sondern auch ein bedeutendes Stück Sporthistorie: die Geschichte des alpinen Skisports in einem Land, das diese Disziplin irgendwann nicht mehr haben wollte. Seine Biografie bleibt ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie ideologische Grabenkämpfe des Kalten Krieges individuelle Lebenswege durchkreuzten.



