Christian Neureuther mit scharfem Urteil nach Olympia: Politik bremst deutschen Sport aus
Der ehemalige Skirennläufer und TV-Experte Christian Neureuther hat in einem exklusiven Interview mit der Abendzeitung ein alarmierendes Fazit zu den Olympischen Winterspielen 2026 gezogen. Neureuther, der seit 1968 fast alle Winterspiele vor Ort erlebt hat, äußert sich kritisch zur Leistung des deutschen Teams und zur generellen Sportförderung in Deutschland.
Emotionen und Dezentralisierung: Neureuther sieht IOC in der Pflicht
Christian Neureuther betont die Bedeutung emotionaler Momente wie die Auftritte von Lindsey Vonn oder Lena Dürr, die für ihn das Wesen von Olympia ausmachen. Allerdings kritisiert er die aktuelle Dezentralisierung der Wettbewerbe, die er als politisch motiviert ansieht. "Bormio war eine Entscheidung der Politik, nicht des Sports!", so Neureuther. Er fordert das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf, bei zukünftigen Spielen wie 2030 in Frankreich oder 2034 in den USA solche Kompromisse zu vermeiden und die Wettbewerbe konzentrierter zu organisieren.
Hohe Ticketpreise und leere Stadien: Ein Jugend-Auswahlverfahren als Lösung?
Ein weiterer Kritikpunkt sind die exorbitanten Eintrittspreise. In Cortina kostete ein Stehplatz-Ticket 300 Euro, was für viele Familien unerschwinglich ist. Neureuther schlägt ein innovatives Konzept vor: "Wenn 24 oder 48 Stunden vorher manche Tickets nicht verkauft sind, würde ich ein Jugend-Auswahlverfahren schaffen: kostenlose Tickets für den Nachwuchs, damit die Stadien voll sind und Stimmung da ist." Sein esoterischer Ansatz: Geld sollte nicht immer im Vordergrund stehen, doch leider ordne sich alles dem Finanziellen unter.
Deutsches Team sportlich analysiert: Kufenlastig und mangelnde Breite
Aus sportlicher Sicht fällt Neureuthers Fazit ernüchternd aus. Deutschland sei sehr kufenlastig und profitiere von vier Bobbahnen sowie wissenschaftlicher Expertise im Schlittenbau. Doch der Medaillenspiegel zeige grundlegende Probleme: "Der Medaillenspiegel zeigt, dass wir schon im Schulsport keine Breite aufbauen, dass die Sportstunde immer noch die erste ist, die gestrichen wird, und das ist der völlig falsche Ansatz." Er verweist auf Länder wie Kanada und Norwegen, wo tägliche Sportstunden im Grundgesetz verankert sind, und fordert eine breitere Förderung ab Kitas und Volksschulen.
Politik als Bremsklotz: Träge Reaktionen und gesellschaftliche Folgen
Neureuther übt scharfe Kritik an der deutschen Politik: "Die Politik ist sehr träge und reagiert nur auf Vier-Jahres-Zyklen." Es gehe nicht nur um Medaillen, sondern um gesellschaftliche Herausforderungen wie Bewegungsmangel durch KI und Social Media. "Das wird uns in der Zukunft einholen, mit einem Gesundheitssystem, das jetzt schon nicht mehr bezahlbar ist." Er hofft, dass eine deutsche Olympia-Bewerbung für Sommerspiele, aktuell priorisiert, Anstoß für Modernisierungen von Sporthallen und Schwimmbädern gibt.
Persönliche Highlights und Vorbildfunktion: Lena Dürr als Beispiel
Trotz der Kritik hebt Neureuther positive Aspekte hervor. Besonders emotional waren für ihn die Auftritte von Lena Dürr, die trotz Ausscheiden im Slalom als Vorbild agierte: "Auch wenn sie dramatisch am ersten Tor ausgeschieden ist, hat die Lena auch der Gesellschaft etwas gezeigt, hat sich nach ihrer Krise im Januar nicht auf die Couch verzogen, sondern weiter ihre Ziele und Träume verfolgt." Solche Geschichten prägen für ihn den olympischen Geist.
Insgesamt bleibt Neureuther skeptisch, ob sich in der Sportpolitik bald etwas ändert, appelliert aber an das Gute: "Ich glaube jedenfalls immer noch an das Gute." Sein Plädoyer für mehr Breitenförderung und weniger Trägheit in den Gremien des Deutschen Bundestages bleibt ein dringlicher Aufruf zur Veränderung.



