DDR-Radlegende Täve Schur wird 95: Eine Ära zwischen Sport und Politik
Gustav-Adolf „Täve“ Schur, geboren am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge bei Magdeburg, feiert im Jahr 2026 seinen 95. Geburtstag. Die Ikone des DDR-Radsports bleibt bis heute eine Symbolfigur, die Sport und Geschichte des geteilten Deutschlands verkörpert. Seine Karriere als Radrennfahrer machte ihn zum Volkshelden, während sein politisches Engagement nach der aktiven Laufbahn kontroverse Diskussionen auslöste.
Vom Maschinenmechaniker zum zweifachen Weltmeister
Die Anfänge waren bescheiden: Als Sohn eines Ziegeleiarbeiters absolvierte Schur zunächst eine Lehre als Maschinenmechaniker, bevor er mit 19 Jahren zum Radsport fand. Der sensationelle Sieg bei „Rund um Berlin“ im Jahr 1951 markierte den Startpunkt einer außergewöhnlichen Karriere. Bereits 1955 gewann er als erster Deutscher die Gesamtwertung der legendären Friedensfahrt – ein Traum, den er sich nur ein Jahr nach seinem ersten großen Erfolg erfüllte.
Die sportlichen Höhepunkte folgten in rascher Abfolge:
- Zwei Amateur-Weltmeistertitel 1958 in Reims und 1959 in Zandvoort
- Zweimaliger Sieger der Friedensfahrt
- Olympische Medaillen
- Neunmalige Auszeichnung als DDR-Sportler des Jahres in Folge – ein bis heute ungebrochener Rekord
Der unvergessliche Moment auf dem Sachsenring
Am 13. August 1960 schrieb Schur bei der Weltmeisterschaft auf dem Sachsenring Sportgeschichte, die ihn für viele unsterblich machte. In einer Dreiergruppe mit Teamkollege Bernhard Eckstein und dem Belgier Willy van den Berghen lag er vier Kilometer vor dem Ziel in Führung. Als Eckstein attackierte, reagierte der zweifache Weltmeister Schur nicht – stattdessen deckte er seinen Landsmann, um dessen Siegchance zu sichern. Van den Berghen wartete vergeblich auf einen Konter, während Schur bewusst zurückhielt. Eckstein gewann Gold, Schur wurde Vize-Weltmeister.
Dieses taktische Manöver, bei dem der erfahrene Champion den Erfolg des Teams über den eigenen stellte, prägte sein Image als Sportsmann mit außergewöhnlichem Charakter.
Vom Sportidol zur politischen Symbolfigur
Nach seiner aktiven Karriere wechselte Schur auf die politische Bühne. Von 1958 bis 1990 saß er als Abgeordneter der FDJ und SED in der Volkskammer der DDR, später von 1998 bis 2002 für die PDS im Deutschen Bundestag. Seine ungebrochene Treue zu den Idealen der DDR machte ihn für viele Anhänger zur Symbolfigur, während Kritiker seine Haltung zum DDR-Doping und zur Aufarbeitung der Vergangenheit problematisierten.
Die Anerkennung blieb gespalten: Während Sachsen-Anhalt ihn 2025 mit dem Landesverdienstorden ehrte – was Schur selbst als seine „eigene Hall of Fame“ bezeichnete – blieb eine Aufnahme in die offizielle „Hall of Fame des deutschen Sports“ bislang aus.
95 Jahre Leidenschaft und Beharrlichkeit
Trotz aller Kontroversen ist Täve Schur seiner Heimat treu geblieben. In Heyrothsberge bei Magdeburg führt seine Familie „Täves Radladen“, wo der Jubilar noch immer Autogramme unterschreibt. Regelmäßige Vorträge, tägliche Spaziergänge und der Traum, die 100 zu erreichen, prägen seinen Alltag.
Seine Geschichte erzählt nicht nur von sportlichen Triumphen, sondern auch von Haltung, Loyalität und der Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben – über neun Jahrzehnte hinweg. Als Zeitzeuge einer Epoche, in der Sport und Politik untrennbar verbunden waren, bleibt Täve Schur eine faszinierende Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte.



