Vom Parkett an den Schreibtisch: Patrick Wienceks neues Leben nach der Handball-Karriere
Er war einer der absoluten Fan-Lieblinge im deutschen Handball – nicht nur unter Hardlinern. Im Sommer beendete Patrick Wiencek, sechsfacher Deutscher Meister mit dem THW Kiel und Handballer des Jahres 2018, seine großartige Karriere. In einem exklusiven Interview spricht „Bamm-Bamm“, wie er liebevoll genannt wird, über die Umstellung auf sein neues Leben und die damit verbundenen Herausforderungen.
Der neue Alltag: Vom Training ins Büro
Statt zum täglichen Training geht es für den 36-Jährigen nun ins Büro. „In allem, was ich mache, möchte ich mein Bestes geben“, erklärt Wiencek seine neue Einstellung. Seine Aufgaben sind vielfältig: Er unterstützt die Spieler bei der Wohnungssuche, hilft bei Formularen, Versicherungen und Anmeldungen, plant Reisen und repräsentiert den Verein bei Sponsoren und Fans.
„Ich habe ein offenes Ohr, wenn sie Probleme oder Fragen haben. Wenn ich dort etwas bewirken kann, ist das für mich ein Erfolg“, so der ehemalige Nationalspieler. Sein Tagesablauf hat sich grundlegend verändert: „Ich stehe früh auf, wie früher auch. Morgens habe ich Zeit mit meinen Kindern. Ich bereite die Frühstücksdosen vor und schicke sie los. Gegen Viertel nach acht bin ich im Büro.“
Körperliche Herausforderungen und Gewichtszunahme
Die Umstellung war körperlich anspruchsvoll. „Die ersten drei Monate waren körperlich hart. Die Bewegung hat gefehlt“, gesteht Wiencek. Als aktiver Spieler kam er täglich auf über 10.000 Schritte – im Büro sind es plötzlich nur noch 2.000 bis 3.000. „Mein Körper war wie auf Entzug.“
Die Konsequenz: „Ich habe in der Spitze acht Kilo zugenommen. Drei habe ich wieder abgenommen. Aktuell liege ich bei 119 Kilo.“ Seine Kinder vermissen inzwischen den Spieler-Papa. „Sie fanden es schön, mich abends in der Halle spielen zu sehen.“
Was fehlt und was gewonnen wurde
„Es fehlt enorm“, beschreibt Wiencek das Gefühl, nicht mehr aktiver Profi zu sein. „Ich habe es immer wertgeschätzt, in die Halle einzulaufen, gefeiert zu werden, Titel zu gewinnen. Besonders der Kabinenschnack fehlt.“ Im Rückblick wird ihm deutlicher, „welches Privileg es war, Profisportler zu sein“.
Aber es gibt auch Vorteile: „Inzwischen genießen wir die Flexibilität. Wir können am Wochenende spontan etwas unternehmen. Ich kann auch mal ein Glas Wein oder ein Bier mehr trinken, ohne an ein Spiel denken zu müssen.“ In den ersten Monaten war er durch viele Abendtermine sogar öfter unterwegs als während seiner aktiven Zeit.
Das Nord-Derby und die Champions-League-Ambitionen
Wiencek unterstreicht die Bedeutung des anstehenden Nord-Derbys am Samstag gegen die SG Flensburg-Handewitt im Kampf um die Champions League in der Daikin HBL. „Es ist unglaublich eng. Mit Berlin, Flensburg, Lemgo, uns und Gummersbach liegen mehrere Teams innerhalb weniger Minuspunkte. Jedes Spiel zählt.“
„Unser Ziel ist klar: die Champions League. Dort zu spielen, ist sehr wichtig – für das Umfeld, die Fans, den Verein und die Spieler. Wir wollen uns mit den Besten messen, sportlich und wirtschaftlich.“ Allerdings betont er: „Die Zeiten, in denen man fest mit der Champions League planen konnte, sind vorbei. Der Handball hat sich entwickelt. Er ist schneller geworden, die Spielweise hat sich verändert.“
Die Erfolge als Spieler wird er in seiner neuen Rolle nicht mehr feiern können: „Ein Titel als Spieler fühlt sich anders an als in der Rolle als Mitarbeiter des Vereins.“ Doch Patrick Wiencek hat seinen Platz gefunden – auch wenn der Weg dorthin einige Kilo und viel Anpassung erforderte.



