TV-Kritik bei Lanz zur WM: „Die FIFA hat den Schwarzmarkt übernommen“
Hamburg. Bei „Markus Lanz“ geht es um Millionenpreise, Ermittlungen und Infantinos Nähe zu Trump. Wer kann sich diese WM noch leisten? Von Johanna Ewald, Freie Journalistin
„Das ist nicht mehr mein Sport, wenn nur noch Superreiche dabei sein können“, sagt Markus Feldenkirchen. Der Journalist und frühere Washington-Korrespondent des „Spiegel“ spricht bei „Markus Lanz“ über eine Fußball-Weltmeisterschaft, bei der die Preise „keine Grenzen mehr“ kennen. Ein Finalticket werde auf einer Verkaufsplattform für mehr als eine Million angeboten, ein anderes sogar für elf Millionen.
Klar, das sind extreme Angebote, keine repräsentativen Durchschnittspreise. Dennoch wird damit deutlich: Die FIFA bewirbt die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko als größtes Fußballfest der Geschichte – und entfernt das Turnier mit ihrer Preispolitik zugleich von jenen, die diese Atmosphäre überhaupt erst erzeugen.
WM 2026: Journalist wirft der FIFA Übernahme des Schwarzmarkts vor
„Die FIFA hat den Schwarzmarkt übernommen und betreibt ihn so“, sagt Thomas Kistner, Sportjournalist der „Süddeutschen Zeitung“. Kistner rechnet vor, dass beim Weiterverkauf sowohl Käufer als auch Verkäufer jeweils 15 Prozent an die FIFA abführen. Wird ein Ticket für 400.000 Euro gehandelt, kassiert der Verband demnach weitere 120.000 Euro. Die Organisation, die eigentlich faire Bedingungen schaffen müsste, profitiert damit unmittelbar davon, wenn die Preise eskalieren. „Es ist dieses Mal fünfmal teurer als 2022 in Katar“, stellt Lanz fest. Kistner berichtet zudem von Ermittlungen gegen Verkaufspraktiken der FIFA. Behörden in Deutschland und der Schweiz beschäftigten sich mit Ticketpaketen, bei denen Fans neben gewünschten Spielen weitere, vorher nicht näher bekannte Partien erwerben mussten.
Lesen Sie auch: Beim Tippspiel zur Fußball-WM den Sieg holen? Mathe-Profi verrät Geheimtricks. Gefälschte WM-Trikots: Experten warnen vor Gesundheitsrisiko. „Bubi“ reist für 10.000 Euro zur WM: „Egal, wo wir spielen: Ich fahre hin“.
Betrugsverdacht macht Ticketpreise zum Fall für US-Behörden
Auch in den USA seien Strafermittlungen wegen des Verdachts auf Betrug beim Ticketing angeschoben worden, sagt Kistner. Damit ist die Debatte mehr als die übliche Empörung über teure Stadionkarten. Vielmehr lautet sie: Nutzt die FIFA ihre Macht als Veranstalter, um Preise künstlich nach oben zu treiben – und dabei selbst an jeder Handelsstufe zu verdienen?
Doch die Ticketpreise sind nicht die einzigen Kritikpunkte von Feldenkirchen. Er verweist auf lange Wege zwischen den Spielorten, hohe Flugkosten und Hotelpreise, die teilweise um bis zu 300 Prozent gestiegen seien. „Das hat nichts mehr damit zu tun, wie sich ein normaler Fußballfan ein Turnier vorstellt“, sagt er. Die WM wird also nicht nur größer als ihre Vorgänger, sondern sozial exklusiver.
Die USA-Expertin und „Handelsblatt“-Redakteurin Annett Meiritz sagt: „Wenn der Amerikaner zum Sportevent geht, sitzt das Geld locker.“ Große Sportereignisse seien dort stärker als umfassendes Unterhaltungsangebot inszeniert.
Auch interessant: Sorge um Sicherheitslage in Mexiko wächst – fünf Polizisten tot.
Bromance zwischen Trump und Infantino?
Doch auch diese Zahlungsbereitschaft ist nicht unbegrenzt. In Philadelphia seien teilweise noch 75 Prozent der Hotelzimmer frei, berichtet Meiritz. „Ich glaube, dass dieser Kipppunkt erreicht ist“, sagt sie über die Grenze dessen, was Zuschauer bereit sind zu bezahlen. „Wie sehr nützen die sich gegenseitig: Infantino und Trump?“, fragt Lanz. Meiritz spricht von der „Bromance des Jahres“ und sagt, Donald Trump habe FIFA-Präsident Gianni Infantino häufiger getroffen als jeden Staats- und Regierungschef.
Denn beide profitieren voneinander: Infantino verschafft Trump die Bühne eines globalen Spektakels. Trump wiederum bietet dem FIFA-Chef Zugang zum politischen Machtzentrum. Dass für Trump eigens ein FIFA-Friedenspreis geschaffen wurde, passt in diese Beziehung: Der Verband liefert Auszeichnungen und internationale Inszenierung, das Weiße Haus Nähe und Bedeutung.
Lesen Sie auch: Katrin Müller-Hohenstein: „Das war das Härteste, das ich je gemacht habe“. Esther Sedlaczek über Deutschlands WM-Chancen: „Nicht realistisch“.
Trump und Infantino liefern einander Macht und große Bilder
Feldenkirchen sagt über Infantino: „Er macht das sehr geschickt.“ Der FIFA-Präsident soll sogar ein Büro im Trump Tower angemietet haben. Aus professioneller Zusammenarbeit wird so demonstrative Nähe – zwischen zwei Männern, die Politik und Sport vor allem als große, personalisierte Show verstehen.
Kistner lenkt den Blick auf die Strukturen, die Infantinos Macht absichern. Mitglieder des FIFA-Rates erhielten rund 250.000 Dollar oder Schweizer Franken im Jahr, sagt er. „Und wenn ich dann alles abnicke, habe ich absolut null Arbeit.“ Der Vorwurf: Ein gut bezahltes Gremium kontrolliert den Präsidenten nicht, sondern stabilisiert ihn. „Da sind nur noch Zahlen im Raum, wie man sie aus einem Donald-Duck-Comic kennt“, sagt Kistner über die erwarteten Einnahmen der WM. Die FIFA verkauft 104 Spiele als 104 Superbowls. Doch ein Fußballturnier, das nur noch nach dem Vorbild eines dauerhaften Premiumevents funktioniert, verliert mehr als preisbewusste Zuschauer. Es verliert genau jene Fans, deren Leidenschaft sich nicht dynamisch verteuern lässt.



