Am späten Samstagabend hätte Deutschland bei der Weltmeisterschaft gegen den Top-Favoriten Frankreich gespielt. Doch nach dem frühen Aus ist dieses Spiel nun Geschichte. Vielleicht ist das sogar gut so, denn eine erneute Blamage drohte. Die Frage drängt sich auf: Warum sind die Franzosen im Fußball so viel besser als die Deutschen? Früher war es oft umgekehrt.
Weltklasse-Potenzial versus Lieferung
Toni Kroos hat recht, wenn er betont, dass Deutschland zwar Spieler mit Weltklasse-Potenzial wie Florian Wirtz und Jamal Musiala besitzt, dieses Potenzial aber nicht auf den Platz gebracht wird. In Frankreich ist das anders: Kylian Mbappé liefert, Ousmane Dembélé liefert, Michael Olise liefert – die gesamte Mannschaft erfüllt die Erwartungen. Bei der aktuellen WM wurden 99 Spieler gemeldet, die in Frankreich geboren wurden und mindestens die zweite Staatsangehörigkeit besitzen. Das entspricht fast vier vollen Kader und zeigt das unerschöpfliche Reservoir an Superstars.
Nachwuchsförderung als Erfolgsrezept
Oft wird erzählt, dass Talente wie Mbappé aus den Banlieues, den Pariser Problemvierteln, kommen, wo die Regierung Bolzplätze baut, um die Jugendlichen von dummen Gedanken abzuhalten. Fußball dient dort als sozialer Aufstieg. Doch Alfred Draxler hält diese Erklärung für zu einfach. Auch deutsche Städte haben Problemviertel, und nicht jeder französische Star stammt aus den Banlieues. Entscheidend ist die perfekte Nachwuchsförderung: Das Ausbildungsinstitut „National du Football“ in Clairefontaine, 50 Kilometer südwestlich von Paris, kombiniert Fußball und Schule auf höchstem Niveau. Mit neun Fußballplätzen und einem letzten Bus um halb neun werden 2000 Talente gesichtet, aber nur 25 pro Jahrgang aufgenommen. Seit der Eröffnung 1988 wurde Frankreich zweimal Weltmeister und einmal Europameister.
Deutsche Defizite in der Talentförderung
In Deutschland gibt es kein vergleichbares Zentrum. Die Ausbildung erfolgt in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) der Klubs, wo jeder Trainer gefühlt etwas anderes trainiert. Jürgen Klopp forderte bereits während der WM, dass ab der U10 alles hinterfragt werden müsse. Hoffentlich erinnert er sich daran, sollte er Bundestrainer werden. Zum dritten Mal hat sich Deutschland bei einer Weltmeisterschaft blamiert, und jedes Mal wurde das Problem der Nachwuchsarbeit angesprochen – passiert ist nichts.
Konsequenzen für den DFB
Deshalb sollte jetzt nicht nur über das Ende des Bundestrainers diskutiert werden, sondern vor allem über die Funktionäre an der Spitze des DFB. Auch sie tragen ihren Anteil am WM-Aus. Es ist an der Zeit, die Strukturen grundlegend zu reformieren, um den Anschluss an die Weltspitze nicht endgültig zu verlieren.



