Tabea Kemme: Der unsichtbare Energiepreis einer Fußball-Pionierin
Als TV-Expertin für Sky bewegt sich Tabea Kemme in einer Fußballwelt, die nach wie vor stark von Männern dominiert wird. Die ehemalige Nationalspielerin zahlt dafür einen hohen Preis, wie sie im Podcast "Flutlicht an!" offen darlegt. Ihre Rolle als Pionierin im deutschen Männerfußball erfordert einen ständigen Balanceakt zwischen professioneller Expertise und persönlichem Energieeinsatz.
Der tägliche Kampf um Anerkennung
Kemme beschreibt ihre Situation als "Energiefresser", bei dem zu 90 Prozent die Verantwortung bei ihr liege, eine professionelle Ebene mit männlichen Kollegen zu schaffen. "Da habe ich nicht die Erwartung, dass die vom Gegenüber geschaffen wird, wenn da diese Art von Hilflosigkeit gegeben ist", erklärt die Champions-League-Siegerin. Sie müsse in solchen Situationen stets den ersten Schritt machen, was enorme mentale Ressourcen beanspruche.
Diese unsichtbare Arbeit werde weder angemessen honoriert noch anerkannt. In Vertragsverhandlungen werde ihr gegenüber oft argumentiert, sie habe weniger Reichweite als männliche Ex-Profis – und damit weniger Wert. Kemme betont jedoch: "Eigentlich müsse das als Teilleistung bezahlt werden."
Strukturelle Widerstände im System
Die 34-Jährige erlebt regelmäßig, wie Frauen im Fußball behandelt werden. Ein bezeichnendes Beispiel war die Szene nach dem Champions-League-Spiel bei Atalanta Bergamo, als Spieler des FC Bayern sie anders als ihre männlichen Kollegen nicht abklatschten. Solche Vorfälle verdeutlichen die anhaltenden Herausforderungen.
Selbst bei ihrem Arbeitgeber Sky stoßen progressive Ideen auf Widerstand. Als Kemme vorschlug, einmal zwei Frauen an die Seitenlinie zu stellen, winkten die Verantwortlichen erschrocken ab. Dies zeigt, wie tief verwurzelt die männliche Dominanz in den Strukturen des Fußballs bleibt.
Podcast als sicherer Raum für kritische Stimmen
Gemeinsam mit ihren ehemaligen Nationalmannschaftskolleginnen Josephine Henning und Anja Mittag betreibt Kemme den Podcast "MBHK" (ursprünglich "Mittags bei Henning"). In den Gesprächen thematisieren sie offen und mit viel Humor, aber auch deutlicher Kritik, die Verhältnisse im Fußball – bei aller Liebe zum Spiel.
"Es ist für das Trio natürlich eine gute Nachricht, dass aus MBHK nicht permanent Zitate durch die Medien geistern", bemerkt Kemme. Dies sage aber auch viel darüber aus, wie der Frauenfußball weiterhin betrachtet – oder eben nicht betrachtet – werde. Die diskutierten Themen hätten Gewicht und erhielten dennoch zu wenig Aufmerksamkeit.
Autonomie als höchstes Gut
Nach Jahren der Fremdbestimmung als Profifußballerin ist Kemme heute besonders auf ihre Autonomie bedacht. Die Gespräche über Verträge und Konditionen führt sie deshalb selbst. Einerseits, um Dinge zu verbessern und Veränderungen anzustoßen. Andererseits, um die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und nicht auszubrennen.
"Die Art der Argumentation hat nichts mit mir zu tun, sondern mit dem System", reflektiert die ehemalige Nationalspielerin. Diese Erkenntnis helfe ihr, nicht zu resignieren, sondern weiter für Gleichberechtigung zu kämpfen.
Kraftquellen abseits des Fußballs
Energie für ihre anspruchsvolle Rolle schöpft Kemme auf dem Hof ihrer Eltern in Norddeutschland. Die Zeit mit den Tieren, insbesondere den jüngst geborenen Lämmern, erdet sie und gibt Kraft für die nächsten Fernsehauftritte. Dieser Rückzugsort symbolisiert die Balance, die sie zwischen der hochöffentlichen Fußballwelt und ihrem privaten Leben finden muss.
Tabea Kemme bleibt trotz aller Herausforderungen optimistisch. Zwar habe sich in den letzten Jahren an der einen oder anderen Stelle etwas verändert, doch der Weg zu echter Gleichberechtigung im Fußball sei noch lang. Ihre Pionierarbeit kostet Energie – aber sie ist bereit, diesen Preis zu zahlen, um zukünftigen Generationen von Frauen im Fußball den Weg zu ebnen.



