Jamal Musiala sucht vor WM-Start noch seine Topform
Musiala vor WM-Start noch nicht in Topform

Hoffen auf den alten Zauber: Jamal Musiala sucht vor dem WM-Start noch seine Form

Für den Bundestrainer ist er „einer der außergewöhnlichsten Spieler, die dieser Planet hat“. Nach seiner Verletzung aber wirkt Jamal Musiala immer noch ungewohnt gehemmt.

Jamal Musiala hatte wirklich Pech. Pech, dass Kai Havertz den Ball perfekt verarbeitete, ihn mit dem Außenrist annahm und dann ansatzlos die Richtung wechselte, sodass sein US-amerikanischer Gegenspieler ins Leere lief. Havertz legte ab auf Leroy Sané, der schließlich zum finalen 2:1 für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen den WM-Gastgeber USA traf.

Nach dieser Vorarbeit und Sanés Abschluss sprach niemand von dem Beitrag, den Jamal Musiala zu diesem Treffer geleistet hatte. Das vorentscheidende Zuspiel zu Kai Havertz, der Pre-Assist, war von ihm gekommen. Ansatzlos hatte Musiala den Ball nach dem Zuspiel von Aleksandar Pavlovic aus dem Rückraum in die Spitze gepasst.

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„Wenn Jamal mit 70 Prozent spielt, ist er immer noch besser als viele andere auf der Welt“, sagt Bundestrainer Julian Nagelsmann. Ja, es gibt diese besonderen Momente, in denen die Klasse des Offensivspielers vom FC Bayern München aufscheint. Im Testspiel gegen Finnland war es bei seinem Tor zum 4:0-Endstand, als Musiala von der Strafraumgrenze exakt in den Winkel traf. Und gegen die USA bei seinem Pass auf Havertz vor dem 2:1. Aber es sind eben immer noch nur Momente – auch wenn Bundestrainer Julian Nagelsmann sagt: „Jamal tritt immer besser auf.“

Vor knapp einem Jahr hat sich Musiala bei der Klub-WM, ebenfalls in den USA, so schwer am Wadenbein und am Sprunggelenk verletzt, dass er monatelang ausfiel. Erst im Januar feierte er sein Comeback. Bei den 24 Pflichtspielen, die Musiala seitdem für die Bayern bestritten hat, stand er nur ein einziges Mal über die vollen 90 Minuten auf dem Platz. Und doch sieht der Bundestrainer den 23-Jährigen auf dem richtigen Weg: Dass er „völlig befreit spielt und eben nicht darüber nachdenkt, dass dem Sprunggelenk wieder was passieren könnte“.

Für Nagelsmann ist Jamal Musiala „einer der außergewöhnlichsten Spieler, die dieser Planet hat“. Trotz seines fast noch jugendlichen Alters steht der Münchner bereits vor seinem vierten großen Turnier mit der Nationalmannschaft. 2021 war er bei der Europameisterschaft zum ersten Mal dabei. Vor zwei Jahren dann, bei der Heim-EM, stieg er zum umjubelten Star auf, vor allem im Duett mit seinem kongenialen Partner Florian Wirtz.

Im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund ist beiden gerade eine sogenannte „Blockbuster-Ausstellung“ gewidmet. Der Titel: Superheroes. Aktuell aber sucht Jamal Musiala vergeblich nach seinen Superheldenkräften. Manchmal setzt er zu einem seiner Tricks an und scheint dann festzustellen, dass ihm die passende Zauberformel nicht einfällt. Statt eines weißen Kaninchens holt er dann einen Teller Nudeln aus seinem Zylinder hervor.

„Wenn Jamal mit 70 Prozent spielt, ist er immer noch besser als viele andere auf der Welt“, sagt Nagelsmann. In solchen Aussagen schwingt auch eine Menge Autosuggestion mit. Rudi Völler, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, hat sich diese Woche im Quartier der Nationalmannschaft in Winston-Salem ähnlich geäußert. Alles „kein Problem“, sagte er. „Er ist ganz nah dran, wieder der alte Jamal Musiala zu werden.“

Das wird schon – weil es werden muss und die Nationalmannschaft nur ungern auf Musialas Zauberkräfte verzichten würde. Aber noch fehlt seinem Spiel die alte Selbstverständlichkeit, das Intuitive, das ihn so stark gemacht hat – und das auch in seiner Biografie begründet liegt. Musiala ist kein Zögling der zertifizierten und normierten deutschen Nachwuchsleistungszentren. Fußballerisch ist er in England sozialisiert worden, und bis zur U 21 hat Musiala auch für den englischen Verband gespielt, ehe er sich für Deutschland entschied, das Land, in dem er im Februar 2003 geboren wurde. In England hatte Musiala die „freedom to play”, wie er das selbst einmal genannt hat: die Freiheit, zu spielen und sich auszuprobieren. So wurde er zu einem Fußballer, der selbst auf einem Bierdeckel noch ausreichend Platz zur freien Entfaltung findet. Im Moment aber wirkt er irgendwie gehemmt, gerade in den Situationen, in denen er eigentlich am stärksten ist.

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„Ich hatte gute Phasen und auch nicht so gute Phasen“, hat Musiala nach dem Spiel gegen die USA gesagt. In den beiden Testländerspielen vor der WM gewann er nur 17,3 Prozent seiner Zweikämpfe. Von seinen Dribblings brachte er lediglich 16,7 Prozent zu einem erfolgreichen Ende. Bei der EM 2024, auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Schaffenskraft, lagen seine Werte in diesen Kategorien bei 52 respektive 45 Prozent. Beim WM-Auftakt der Deutschen an diesem Sonntag gegen Curaçao (19 Uhr, ARD) könnten seine Fähigkeiten besonders gefragt sein – gegen einen Gegner, der wohl sehr massiv und massiert verteidigen wird. „Er ist nicht der, der alles allein entscheiden muss“, sagt Bundestrainer Nagelsmann. Aber Musiala ist, zumindest in der Theorie, der Spieler, dem das am ehesten zuzutrauen wäre.