Schalke 04 steht kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga. Ein Sieg am Samstag gegen Düsseldorf – dann ist der Aufstieg perfekt. Kapitän Kenan Karaman (32) über den großen Traum, zwei Grusel-Jahre, Belohnungen von Trainer Muslic und wie er Dzeko im Winter zum Pott-Klub lockte.
„Ich bin stolz auf mich“
SPORT BILD: Herr Karaman, zuletzt saßen wir vor 16 Monaten für ein Interview zusammen, als Schalke im Abstiegskampf steckte. Damals bejahten Sie die Frage, ob Sie in der Form Ihres Lebens seien. Was wollen Sie denn jetzt als Top-Torjäger des Tabellenführers darauf antworten?
KENAN KARAMAN: Das muss ich weiterhin mit Ja beantworten (lacht). Ich wollte auch in dieser Saison vorangehen, das ist mir wieder gelungen, finde ich. Und da bin ich schon stolz auf mich.
Wie genau gehen Sie voran?
Wichtig war mir, dass ich mich als Mensch nicht verändere, obwohl ich eine Binde am Arm trage. Sondern immer ich selbst geblieben bin. Das Entscheidende ist aber: Man muss mit Leistung vorangehen. In der Kabine wirst du nur wahrgenommen, wenn du auch selbst auf dem Platz überzeugst. Ansonsten hört dir die Hälfte nicht zu. Und ich denke, dass ich meine Rolle als Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft gut erfülle.
Der richtige Trainer für Schalke
Die Bundesliga-Rückkehr ist in greifbarer Nähe. In welchem Moment haben Sie gedacht: Miron Muslic ist der richtige Trainer für Schalke?
Ich habe kurz nach seiner Verpflichtung im vergangenen Sommer einen Anruf von ihm bekommen. Als er mich anrief, war ich mit meiner Familie noch im Urlaub. Zunächst einmal empfand ich das als eine tolle Geste. Ich habe dann schon in dem Gespräch gespürt, dass er eine riesige Überzeugung hat. Und die er der Mannschaft auch vermitteln kann. Danach wurde immer klarer, dass er ein hervorragender Trainer ist. Er kann mehrere Schritte vorausdenken, weiß genau, wie er ein Team weiterentwickeln kann. Ihm folgen hier alle.
Wie honoriert er Leistungen?
Er zeigt jeden Tag, dass der Erfolg unser Verdienst ist, da spüren wir große Wertschätzung. Eine Regelung ist zum Beispiel: Wenn wir bei einem Auswärtsspiel kein Gegentor kassieren, bekommen wir einen freien Tag geschenkt.
Und wenn Sie ein unglückliches Gegentor kassieren?
Dann ist er gestrichen.
„Das hat mich wirklich belastet“
Sie erlebten vor dieser sehr erfolgreichen Spielzeit zwei Horror-Jahre, die jeweils fast in der 3. Liga endeten. Haben Sie sich hier manchmal wie im falschen Film gefühlt?
Das kann man so sagen. Es gab schon Momente, in denen ich mich gefragt habe: Warum?! Für mich war es schwer zu akzeptieren. Man spürt, wie viele Menschen für diesen Verein leben, wie viel ihnen Schalke bedeutet. Ich möchte den Menschen hier immer etwas zurückgeben. Und dass wir das nicht geschafft haben, hat mich wirklich belastet. Haben Sie mal eine Sekunde darüber nachgedacht, warum Sie hier bis 2028 unterschrieben haben?
Nein, das nicht. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir hier Erfolg haben können. Aber natürlich, von außen betrachtet konnte man denken: Was tut der sich hier an?! Das haben mir auch Menschen gesagt. Ein Problem war, dass einige unserer Spieler mit dem Druck und dem Chaos zu der Zeit hier nicht klargekommen sind – und sich dann entschieden haben, dass sie den Verein verlassen möchten. Das hat man natürlich auch auf dem Platz gespürt.
Seit welchem Spieltag glauben Sie an den Aufstieg?
Dieser Traum hat immer in mir gelebt. Intern war das aber nie ein Thema für uns. Der Trainer hat uns das auch ganz klar vermittelt. Selbst in der Hinrunde, als wir Herbstmeister wurden, hat nicht das Gefühl vorgeherrscht: Wir können es packen. Den Begriff „Aufstieg“ habe ich deshalb nie bei uns in der Kabine gehört.
„Das zeigt den Charakter der Mannschaft“
Können Sie ein Beispiel nennen für den neuen Teamgeist, der auf Schalke herrscht?
Da fällt mir spontan das Elversberg-Spiel zuletzt ein. Als wir nach dem Sieg in der Kabine waren, hat Dejan Ljubicic sofort bei Nikola Katic per Video-Call angerufen, der verletzt zu Hause war. Wir wollten ihn an dem Gefühl teilhaben lassen. Das zeigt den Charakter der Mannschaft. Hier zieht jeder an einem Strang, auch die Spieler, die nicht auf dem Platz stehen. Das kann auch anders laufen, wie ich hier schon erlebt habe.
Wie äußert sich das?
Wenn Spieler zum Beispiel verletzt ausfallen oder nicht im Kader stehen, schreibt jeder von ihnen vor dem Spiel in unsere WhatsApp-Gruppe, um viel Glück und Erfolg zu wünschen.
Wenn Sie nicht Profi-Fußballer wären, sondern glühender Schalke-Fan: Welches Spieler-Trikot würden Sie sich kaufen?
Zu den Spielen würde ich wahrscheinlich in einem Trikot von Soufi (Soufiane El-Faouzi; d. Red.) gehen. Er spiegelt mit seiner Art und Spielweise das wider, was den Ruhrpott ausmacht. Und ich würde mir natürlich ein Dzeko-Trikot kaufen (lacht).
„Ich fragte: Was kann ich dafür machen?!“
Wie war der Moment, als Edin Dzeko in die Kabine kam?
Ich bin ehrlich: Ich wusste schon vorher Bescheid. Edin hat Nikola ja im Winter kontaktiert und ihn gefragt, ob Schalke noch einen Stürmer brauche. Nikola hat mich direkt mit ins Boot genommen. Ich fragte ihn: „Was kann ich dafür machen?!“
Was war seine Antwort?
Er schlug vor, dass ich Edin als Kapitän auch eine Nachricht schreibe, was ich direkt gemacht habe.
Was haben Sie ihm geschrieben?
Dass es großartig wäre, mit ihm auf dem Platz zu stehen. Dass ich ein großer Fan von ihm bin. Und dass die Truppe einen riesigen Mehrwert mit ihm hätte.
Hat er geantwortet?
Sofort. Er hat geschrieben, wie super er es findet, dass ich ihm geschrieben habe. Aus seiner Zeit in der Türkei kann er sogar etwas Türkisch, er schrieb als Abschluss: „Kardes“. Das bedeutet: kleiner Bruder.
Haben Sie einen Dzeko-Effekt gespürt?
Mit seiner Vita, mit seiner Ausstrahlung hat er noch ein paar Prozente mehr in die Kabine gebracht. In seinen ersten Spielen hat er dann ja auch sofort getroffen, da hat man sofort gesehen, dass er ein Weltstar ist – was er aber nie heraushängen lässt. Er ist unheimlich bescheiden. Er behandelt jeden gleich, schaut auf keinen von oben herab. Er spricht mit dem Betreuer genauso wie mit dem Vorstand.
„Das war herausragende Arbeit“
Neben Dzeko kamen auch Moussa Ndiaye, Adil Aouchiche, Dejan Ljubicic sowie Ersatz-Torhüter Kevin Müller. War der Schalker Transfer-Winter der beste, den Sie je erlebt haben?
Ja, das kann ich nicht anders sagen. Das war herausragende Arbeit. Dass alle vier Feldspieler plus Kevin Müller als Ersatz-Torhüter sitzen, ist schon wirklich außergewöhnlich. Auch in diesem Punkt muss ich dem Trainer ein Lob aussprechen: Viele Trainer würden als Herbstmeister ihren Spielstil beibehalten. Miron hat aber erkannt, dass wir nach vorne gefährlicher werden müssen und wir neue Spielerprofile benötigen.
Hat er Sie dabei einbezogen?
Vom ersten Tag an. Obwohl mir unser neuer, offensiverer Spielstil sehr zugutekommt, war meine erste Reaktion: „Wollen wir das wirklich machen?“ Ich war zu dem Zeitpunkt der Meinung, dass Erfolg an erster Stelle steht, nicht zwei erzielte Tore mehr pro Spiel. Ich kann mich noch genau an seine Worte erinnern: „Vertrau mir! Ich weiß das!“ Er sagte noch, dass es einige Spiele dauern werde, bis die Umstellung greift, dass es dann aber erfolgreich sein werde. Er hatte recht.
„...dann wird Schalke meine letzte Station sein“
Ist es Ihr Ziel, Ihre Karriere hier bei Schalke zu beenden?
Wenn der liebe Gott es zulässt, wird Schalke meine letzte Station sein, ja.
Im Sommer steht die WM an, die Türkei hat personelle Not im Angriff. Haben Sie schon einen Anruf von Nationaltrainer Montella bekommen?
Nein, den gab es noch nicht. Ich habe die Nationalmannschaft aber noch nicht abgeschrieben, die WM wäre natürlich ein riesiger Traum, der in Erfüllung gehen würde.



