Schachgroßmeister veröffentlicht versehentlich Eröffnungsgeheimnisse vor Kandidatenturnier
Schachgroßmeister veröffentlicht Eröffnungsgeheimnisse vor WM-Turnier

Schachgroßmeister veröffentlicht versehentlich Eröffnungsgeheimnisse vor Kandidatenturnier

Die Eröffnungsvarianten von Schachgroßmeistern gelten als heilig und werden streng geheim gehalten. Ausgerechnet vor dem wichtigsten Turnier seiner Karriere ist dem 20-jährigen Javokhir Sindarov nun ein peinlicher Fehler unterlaufen. Ein Teil seiner sorgfältig vorbereiteten Eröffnungsstrategien war versehentlich öffentlich im Internet zugänglich.

Geheime Vorbereitungen versehentlich online

Ähnlich wie Fußballtrainer, die ihre Aufstellungen bis zum letzten Moment geheim halten, investieren Schachgroßmeister unzählige Stunden in die Entwicklung neuer Eröffnungsvarianten. Diese Computerdateien mit speziellen Zugabfolgen werden normalerweise unter Verschluss gehalten, um dem Gegner keine Vorbereitungsmöglichkeiten zu bieten.

Doch Sindarovs Eröffnungswissen wurde über Beiträge auf der Plattform Reddit öffentlich. Nutzer posteten dort Screenshots und Videos von Sindarovs Account auf der Schachplattform lichess.org. Unter dem Namen SindarovGM hatte der usbekische Großmeister zahlreiche sogenannte Studien veröffentlicht – Dateien, in denen Zugabfolgen gespeichert, nachgespielt und kommentiert werden können.

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Marshall Gambit bereits im Turnier eingesetzt

Besonders brisant: Ein Video zeigte Sindarovs Plan im Marshall Gambit, einer Variante des abgelehnten Damengambits. Genau diese Eröffnung setzte er in der fünften Runde des Kandidatenturniers auf Zypern mit den schwarzen Figuren gegen den US-Großmeister Hikaru Nakamura ein. Nakamura hatte die öffentlich zugängliche Datei offenbar nicht entdeckt und ging in der Partie deutlich unter.

Mittlerweile sind die betreffenden Dateien nicht mehr öffentlich einsehbar. Doch die Tatsache, dass Sindarovs Konkurrenten beim Kandidatenturnier – der Qualifikation zur Schachweltmeisterschaft – potenziell Zugriff auf seine Vorbereitungen hatten, sorgt für Aufsehen in der Schachwelt.

Sindarov wiegelt ab und führt das Turnier an

Überraschenderweise scheint der Technikpatzer dem jungen Großmeister nicht geschadet zu haben. Nach acht von vierzehn Runden führt Sindarov das Kandidatenturnier mit zwei Punkten Vorsprung an und gilt nun als Favorit auf den Turniersieg. Der Sieger darf Weltmeister Dommaraju Gukesh herausfordern.

Angesprochen auf die öffentlichen Dateien zeigte sich Sindarov gelassen. „Das war keine große Sache, denn ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich diese Studien das letzte Mal geöffnet habe“, erklärte er nach seiner Partie. Die Dateien seien veraltet und nicht mehr Teil seiner aktiven Vorbereitung.

Experten bewerten den Vorfall

Der britische Großmeister David Howell zeigte sich beeindruckt von Sindarovs Reaktion: „Ich wäre total ausgeflippt und hätte die Nerven verloren, wenn mir das passiert wäre. Sindarov aber ist locker geblieben – und das ist eine Kunst für sich.“

Tatsächlich könnte die Gelassenheit des 20-Jährigen damit zusammenhängen, dass solche Technikfehler in der Schachwelt nicht unbekannt sind:

  • Bei der Weltmeisterschaft 2018 zeigte ein Video versehentlich Teile der Eröffnungsvorbereitung von Fabiano Caruana gegen Magnus Carlsen
  • 2023 entdeckten Fans Trainingspartien des Chinesen Ding Liren auf lichess, die seine WM-Eröffnungen vorwegnahmen
  • Interessanterweise gewann Ding Liren trotz der Veröffentlichung seine WM gegen Jan Nepomnjachtchi

Kein Einzelfall in der Schachwelt

Experten weisen darauf hin, dass die öffentlich gewordenen Studien wahrscheinlich nur einen kleinen Teil von Sindarovs Eröffnungswissen darstellten. Normalerweise umfasst die Vorbereitung auf eine Eröffnung Hunderte oder Tausende Züge, und Großmeister nutzen verschiedene Schachprogramme parallel.

Die Screenshots und Videos zeigten teilweise Studien mit nur einer einzigen Zugabfolge, was auf veraltetes Material hindeuten könnte. Dennoch bleibt der Vorfall ein Lehrstück über die Bedeutung digitaler Sicherheit im modernen Profischach.

Das Kandidatenturnier auf Zypern entscheidet über den Herausforderer für die Schachweltmeisterschaft. Neben Sindarov spielt auch der deutsche Großmeister Matthias Blübaum mit, der für seine Vorbereitung einen Supercomputer nutzt. Die Schachwelt bleibt gespannt, ob der Zwischenfall Sindarovs Aufstieg beeinflussen wird.

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