Stillstand bei Bussen und Bahnen: Die Tarifrunde in Sachsen-Anhalt muss über Arbeitszeitverkürzung hinausgehen
Die Warnstreiks im Nahverkehr Sachsen-Anhalts haben zu erheblichen Beeinträchtigungen geführt und werfen grundlegende Fragen auf. Unser Kommentator Alexander Schierholz beleuchtet die aktuelle Tarifrunde und zeigt auf, warum es nicht nur um kürzere Arbeitszeiten gehen darf.
Der Personalmangel als zentrale Herausforderung
Bundesweit fehlen derzeit rund 20.000 Busfahrerinnen und Busfahrer, eine Situation, die auch in Sachsen-Anhalt spürbar ist. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nach einer Arbeitszeitverkürzung von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich zunächst kontraproduktiv. Die kommunalen Verkehrsbetriebe suchen bereits intensiv nach zusätzlichem Personal. Wenn die Beschäftigten weniger Stunden arbeiten, könnte die Personallücke weiter anwachsen, was die Frage aufwirft: Wo sollen die dringend benötigten Fahrerinnen und Fahrer herkommen?
Arbeitszeitverkürzung als symbolische Forderung
Die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche ist im Kern eine Lohnerhöhung durch die Hintertür. Dennoch ist sie nicht vollständig abzulehnen, denn um Bus und Bahn als attraktive Arbeitsplätze zu positionieren, müssen Verbesserungen erfolgen. Eine reduzierte Wochenarbeitszeit kann dazu beitragen, doch sie allein reicht nicht aus. Viele Beschäftigte klagen über überlange Schichten und unzureichende Ruhezeiten, was die Attraktivität des Jobs mindert. Hier muss angesetzt werden, um neue Interessenten für den Beruf zu gewinnen.
Rituale in Tarifverhandlungen und der Weg zum Kompromiss
Der Ruf nach der 35-Stunden-Woche fungiert oft als Schaufensterforderung, ähnlich wie die Drohung der Arbeitgeber, Mehrkosten durch Fahrplankürzungen auszugleichen. Beides gehört zum Ritual der Tarifverhandlungen. Am Ende wird jedoch ein Kompromiss stehen, der als Maßstab vor allem bessere Arbeitsbedingungen berücksichtigen muss. Dazu zählen nicht nur angemessene Arbeitszeiten, sondern auch verbesserte Schichtpläne und ausreichende Erholungsphasen, um den Personalmangel nachhaltig zu bekämpfen.
Die Tarifrunde in Sachsen-Anhalts Nahverkehr steht somit vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss kurzfristige Streiks vermeiden und langfristig die Attraktivität des Berufs steigern. Nur so kann der Stillstand bei Bussen und Bahnen überwunden werden.



