Warum ich Aida zum Lächeln herausfordere: Ein kritischer Blick auf Rostocks heilige Kuh
Ein neuer Ort, ein neuer Blick: Diese Kolumne sammelt die Beobachtungen eines Neu-Rostockers – stets freundlich, ehrlich und ohne jede Schönfärberei. Heute widme ich mich einem Thema, das in der Hansestadt fast schon heilig ist: dem Kreuzfahrtunternehmen Aida.
Aida – eine Erfolgsgeschichte mit 30 Jahren Tradition
Ich weiß sehr wohl: Aida ist in Rostock so etwas wie eine unantastbare Institution. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag und präsentiert sich als weltoffen, erfolgreich und zukunftsorientiert. Eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, die mit Events in Hamburg, Kiel und Warnemünde gebührend gefeiert wird. Wissenschaftler wurden zu einem Innovationswettbewerb eingeladen, Prominente machen Musik oder erzählen Witze – alles im Zeichen der Marke.
Besonders wichtig ist bei Aida das Lächeln. Statt auf professionelle Models zu setzen oder das Unternehmen auf ein Podest zu heben, will man nah am Menschen sein und sogar Menschen verbinden. Dazu gibt es eine Community-Kampagne, bei der persönliche Aida-Erlebnisfotos eingereicht werden können – natürlich mit einem strahlenden Lächeln, in Anlehnung an das bekannte Logo. „Lächelmoment“ nennt Aida diese Aktion, und den Gewinnern winkt ein attraktiver Preis.
Die andere Seite der Medaille: Soziale Realitäten in Rostock
Doch während Aida diese heile Welt des Lächelns präsentiert, gibt es in Rostock und ganz Deutschland viele schlechte und traurige Nachrichten. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, alles wird teurer – so teuer, dass selbst Hilfsorganisationen wie die Diakonie massive Probleme haben. Sie wissen oft nicht mehr, wie sie Obst, Gemüse und frisches Brot zu den Bedürftigen der Rostocker Tafel bringen sollen, weil das Benzin und der Strom einfach zu kostspielig geworden sind.
Viele Menschen verlieren aufgrund politischer Unfähigkeit ihren Arbeitsplatz, Rentner kämpfen darum, ihre Miete bezahlen zu können. In dieser schwierigen Situation präsentiert Aida das genaue Gegenteil: eine sorgenfreie Welt, schön und unbeschwert wie in den coolen 1990er-Jahren, als das Unternehmen gegründet wurde. Das passt zur Marke: Reisen bedeutet Eskapismus, Flucht ins Paradies. Hedonismus gehört zum Geschäftsmodell von Aida.
Geschäftsmodelle und soziale Verantwortung
Wenn im Nahen Osten Krieg herrscht, fährt das Schiff eben nach Norwegen – immer findet sich eine sichere Route. In Kriegspausen lassen sich die eigenen Schiffe vorzugsweise in Frankreich oder Italien modernisieren, vermutlich weil es dort billiger ist als in Deutschland. Aufrüsten mit Luxus, aber auf sparsame Weise – so könnte man es nennen.
Ich will nicht einfach nörgeln. Aida beschäftigt 18.000 Mitarbeiter aus über 60 Nationen, das ist durchaus bemerkenswert. Ich gehe davon aus, dass diese Angestellten fair bezahlt werden. Persönlich habe ich noch nie eine Kreuzfahrt gemacht, vielleicht bin ich deshalb nicht der typische Lächel-Typ. Auch gegenüber groß angelegten Community-Kampagnen bin ich eher skeptisch eingestellt.
Ein konkreter Vorschlag: Aida und die Rostocker Tafel
Einmal hatte ich an einem Tag eine Aida-Pressekonferenz und danach ein Treffen bei der Rostocker Tafel. Interessanterweise wird die Tafel in diesem Jahr ebenfalls 30 Jahre alt. Hier schlage ich einen Deal vor: Wenn Aida der Tafel eine großzügige Spende zukommen lässt, sende ich auch mein persönliches Aida-„Lächelmoment“-Foto ein. Menschen verbinden ist schließlich wichtig – also, abgemacht?
Diese Kolumne soll zum Nachdenken anregen. Haben Sie ähnliche oder ganz andere Erlebnisse mit Rostock gemacht? Gibt es Orte, Menschen oder Geschichten, die man unbedingt kennen sollte? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen.



