Wal-Rettung vor Poel: Helfer-Team zerbricht an internen Konflikten und Erschöpfung
Wal-Rettung vor Poel: Helfer-Team zerbricht an Konflikten

Drama um gestrandeten Buckelwal: Rettungsteam vor dem Zerfall

Seit Ende März hält ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal die Region um die Ostseeinsel Poel in Atem. Das mehrfach gestrandete und stark geschwächte Tier hat bundesweit eine Welle der Anteilnahme ausgelöst und eine intensive Debatte über das richtige Vorgehen in solchen Notfällen entfacht. Die Bilder des leidenden Meeressäugers gingen durch die Medien und mobilisierten zahlreiche Helfer.

Beispiellose Rettungsaktion mit privaten Mitteln

Seit nunmehr sechs Tagen läuft vor Poel eine in dieser Form bisher einmalige Rettungsoperation. Ein Team aus privaten Helfern und Spezialfirmen versucht unter der Finanzierung von Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert, den geschwächten Wal zu befreien und in die offene See zu schleppen. Doch was als ambitioniertes Hilfsprojekt begann, entwickelt sich zunehmend zu einem menschlichen Drama.

Team-Zerwürfnisse und gesundheitliche Ausfälle

Die private Initiative zur Rettung des Wals steht vor schwerwiegenden personellen Problemen. Christiane Freifrau von Gregory, die als Pressesprecherin des Teams auftrat, hat ihren Rücktritt erklärt. In einer schriftlichen Mitteilung begründete sie diesen Schritt mit den Worten: „Eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist für uns nicht mehr möglich.“ Sie betonte, die aktuellen Entwicklungen vor Ort entsprächen nicht mehr den Grundwerten und Standards, für die sie persönlich und das Team stünden.

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Der Rückzug der Sprecherin ist nicht der einzige Verlust für die Rettungsinitiative. Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert musste am Montag per Hubschrauber in ein Krankenhaus eingewiesen werden, wie Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) bestätigte. Auch eine weitere Tierärztin, die speziell aus Hawaii eingeflogen worden war, hat das Team nach Medienberichten aufgrund interner Differenzen verlassen.

Erschöpfung und Durchhaltewillen

Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz, einer der Hauptfinanziers der Aktion, sprach von einer enormen Belastung für das gesamte Team. „Wir sind alle am Ende“, gestand er und berichtete, selbst seit acht Tagen nur drei bis vier Stunden pro Nacht zu schlafen. Trotz der extremen Erschöpfung und der internen Probleme betonte Gunz jedoch den Durchhaltewillen: „Aufgeben wollen wir nicht. Es geht auf jeden Fall weiter.“

Umweltminister Till Backhaus zeigte sich ebenfalls von den Ereignissen schwer mitgenommen. Der Politiker verbrachte die Nacht auf einem Fischereiaufsichtsboot vor Ort und beobachtete das Tier mit Nachtsichtgeräten. „Wenn das hier vorbei ist, dann muss ich erstmal überlegen, wie es weitergeht. Ich muss mich erholen“, sagte Backhaus und verwies auf die psychische Belastung durch die teils heftigen öffentlichen Reaktionen.

Kritik von Umweltschutzorganisationen

Die Umweltorganisation Greenpeace übte scharfe Kritik an den Rettungsversuchen. Ein Sprecher der Organisation erklärte, die aktuelle Situation bedeute für den Buckelwal eine extreme Stressbelastung. „Das ist natürlich ein Megastress für das Tier“, so der Greenpeace-Vertreter. Der Wal, der die letzten Jahre ohne Kontakt zu Menschen verbracht habe, sei nun ständigen Aktivitäten und Motorenlärm ausgesetzt.

Meeresbiologe Fabian Ritter, der seit 20 Jahren im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission tätig ist, plädierte für einen radikalen Kurswechsel: „Wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten. Wir sollten ihm im Moment nur den größten Gefallen tun, indem wir ihn sein lassen.“ Ritter mahnte, weitere Rettungsversuche könnten sogar riskant sein.

Positive Nebeneffekte für den Artenschutz

Trotz der dramatischen Situation vor Poel verzeichnet die Umweltschutzorganisation WWF einen unerwarteten positiven Effekt. Eine Sprecherin berichtete der Deutschen Presse-Agentur von einem deutlichen Anstieg neuer Walpatenschaften in den vergangenen vier Wochen. Während es in den vier Wochen vor der aktuellen Krise lediglich 15 neue Patenschaften gegeben habe, seien es nun 113 gewesen. „Die Menschen wollen was tun“, kommentierte die WWF-Sprecherin die gestiegene Spendenbereitschaft.

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Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd meldet ein deutlich gestiegenes öffentliches Interesse aufgrund des Wals in der Ostsee. Zahlreiche Menschen hätten sich in den vergangenen Wochen telefonisch und per E-Mail an die Organisation gewandt, um sich zu informieren oder ihre Anteilnahme auszudrücken.

Ungewisse Zukunft für den geschwächten Wal

Derweil liegt das tonnenschwere Tier weiterhin am Ausgang der Kirchsee genannten Bucht in der Nähe des Fahrwassers. Auf Livestreams im Internet ist zu sehen, wie der Wal atmet und gelegentlich seine Brustflossen bewegt. Die Atemfrequenzen schwanken zwischen zwei und vier Minuten, was nach Aussage von Experten auf Stress hindeutet.

Meeresbiologe Boris Culik warnte vor den Gefahren des sinkenden Wasserstands: „Wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet.“ Die Organe könnten gequetscht werden, was die ohnehin prekäre Situation weiter verschärfen würde.

Die Rettungsinitiative steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie trotz personeller Ausfälle und interner Konflikte weiterkämpfen oder den Wal seinem Schicksal überlassen? Walforscher Fabian Ritter brachte die Dilemma-Situation auf den Punkt: „Entweder er findet jetzt wieder zu Kräften und hat noch so viel Kraft, dass er es auch ohne unser Zutun schafft. Oder er ist halt auf dem Weg zu seinem Lebensende. Das müssen wir einfach jetzt akzeptieren.“