Amerikanische Tierärztin bricht Schweigen: Zwischen Jobverlust und Walrettung in der Ostsee
Tierärztin bricht Schweigen: Job oder Walrettung in Ostsee

Drama um Buckelwal in der Ostsee: Tierärztin muss sich zwischen Beruf und Rettung entscheiden

Seit Ende März hält ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal die Region um die Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern in Atem. Das mehrfach gestrandete Tier hat bundesweit für eine Welle der Anteilnahme gesorgt und eine intensive Debatte über das richtige Vorgehen bei Walrettungen entfacht. Seit nunmehr sechs Tagen läuft vor Poel eine beispiellose Rettungsaktion, die von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert wird.

„Ich musste zwischen meinem Job und dem Wal wählen“

Die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace aus Hawaii hat sich erstmals öffentlich über ihren plötzlichen Bruch mit der privaten Rettungsinitiative geäußert. In einer langen und emotionalen Facebook-Nachricht schildert die Expertin, wie sie in der Nacht zum 21. April eine „SEHR schwierige Entscheidung“ treffen musste: „Ich musste wählen zwischen dem Risiko, meinen Job und meinen Lebensunterhalt zu verlieren, oder bei Timmy zu bleiben.“ Der Wal wird von den Helfern abwechselnd Timmy und Hope genannt.

Wallace berichtet, sie habe in Medienberichten gelesen, dass sie strafrechtlich haftbar gemacht werden könnte, falls sie im Zusammenhang mit dem Wal falsche Entscheidungen treffe – mit der möglichen Konsequenz, ihre tierärztliche Zulassung in den USA zu verlieren. Die frustrierenden Ereignisse am Vortag hätten ihre Entscheidung zusätzlich beeinflusst.

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Scharfe Kritik an Ministerium und Helfern

In ihrem Statement übt die Tierärztin deutliche Kritik am Ministerium und Umweltminister Till Backhaus: „Ich habe in den letzten Tagen mehrfach darauf hingewiesen, dass der aktuelle ‚Plan‛, der bereits viel zu lange dauerte, Timmys Leben und Menschenleben gefährden könnte.“ Ihr sei jedoch mitgeteilt worden, dass angeblich keine weiteren Änderungen möglich wären. „Als ob sie wollten, dass alles schiefging, und beweisen wollten, dass die ‚Experten‛ und er selbst Recht hatten“, schreibt Wallace.

Auch Autor und Helfer Sergio Barbaren wird von der Meeresbiologin kritisiert. Sie wirft ihm vor, das Team angewiesen zu haben, nach der Ankunft im Hafen zu warten statt sofort in die Boote zu gehen – eine Anweisung, die sie ignorierte, da sie diese für falsch hielt.

Konflikte innerhalb des Rettungsteams

Die Tierärztin geht zudem scharf mit TikToker Danny Hilse ins Gericht, den sie für erneutes Stranden des Wals verantwortlich macht: „Unser Boot musste Hope ständig drehen, weil ‚Mr. Firstclass‛ so damit beschäftigt war, sich selbst zu filmen, zu telefonieren, mit Hope zu sprechen und ihm in die Augen zu schauen, dass er ihn immer wieder zurück ins flache Wasser und in die Bucht lenkte.“ Sie fordert daher den Ausschluss beider Männer aus der Rettungsaktion.

Wallace betont, dass sie ihre Entscheidung zur Abreise bereits gefasst habe, bevor die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert „einen Anfall bekam und dann ins Krankenhaus musste“. Nach eigener Aussage steht sie weiterhin mit deutschen Behörden in Kontakt.

Kritischer Zustand des Wals

Umweltminister Till Backhaus erklärte am Dienstagvormittag, der Wal sei zwar in einem kritischen Zustand, aber dennoch vital und habe eine Überlebenschance. Angesichts fallender Wasserstände in der Kirchsee-Bucht solle nun größeres Saug- und Spülgerät eingesetzt werden. Wegen des gesunkenen Wasserstands ragt das Tier weiter aus dem Wasser, was zu erhöhtem Druck auf seine inneren Organe führt.

Meeresbiologe Boris Culik verdeutlicht die Gefahr: „Wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, dann entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet. Er hat ein ganz schwaches Skelett im Vergleich zu uns.“ Die Organe könnten gequetscht werden, was lebensbedrohlich wäre.

Personalausfälle belasten Rettungsaktion

Die private Initiative muss mehrere Personalausfälle verkraften. Pressesprecherin Christiane Freifrau von Gregory ist zurückgetreten, da eine konstruktive Zusammenarbeit unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich sei. Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert wurde mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht.

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Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz spricht von einer enormen Belastung für das gesamte Team: „Wir sind alle am Ende.“ Er selbst habe seit acht Tagen nur drei bis vier Stunden pro Nacht geschlafen und sei angeschlagen. Dennoch wolle die Initiative nicht aufgeben.

Gestiegenes öffentliches Interesse

Die Umweltschutzorganisation WWF verzeichnet eine Vielzahl neuer Walpatenschaften und führt diesen Anstieg auf den Buckelwal bei Wismar zurück. In den vergangenen vier Wochen seien 113 neue Patenschaften abgeschlossen worden – in den vier Wochen zuvor waren es lediglich 15. Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd berichtet von deutlich gestiegenem öffentlichen Interesse aufgrund des Wals in der Ostsee.

Experten fordern neue Strategie

Meeresbiologe Fabian Ritter sieht die andauernde Rettung immer kritischer: „Ich würde jetzt tatsächlich an der Stelle mal ganz deutlich sagen: Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten.“ Der Experte plädiert dafür, den Wal in Ruhe zu lassen, da weitere Rettungsversuche sogar riskant sein könnten.

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert den aktuellen Rettungsversuch ebenfalls scharf. Ein Sprecher betont: „Das ist natürlich ein Megastress für das Tier.“ Der Wal habe die letzten Jahre ohne Kontakt zu Menschen verbracht und sei nun ständigen Aktivitäten und Motorenlärm ausgesetzt.

Ungewisse Zukunft für den Buckelwal

Der Wal liegt aktuell am Übergang vom Kirchsee in die Wismarbucht. Helfer versuchen mit Saug- und Spülgerät, den Untergrund freizuspülen und dem Tier mehr Raum zu verschaffen. Eine geplante Methode, den Wal mit Gurten zu ziehen, wurde verworfen, da die Verletzungsgefahr zu groß sei.

Umweltminister Backhaus verbringt die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot, um die Entwicklung zu beobachten. Der Politiker zeigt sich von den Ereignissen schwer mitgenommen: „Was hier im Netz hier passiert, die ganzen Gruppierungen, diese Anfeindungen, das macht was mit einem. Das muss man erstmal verarbeiten.“

Die Rettungsaktion bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem unklar ist, ob der geschwächte Wal den Weg zurück in die offene Ostsee finden wird.