Meeresbiologe: Buckelwal-Aktion ohne Präzedenzfall
Meeresbiologe: Buckelwal-Aktion ohne Präzedenzfall

Der Meeresbiologe und Walforscher Fabian Ritter hat die Rettungsaktion für einen Buckelwal in der Ostsee als beispiellos bezeichnet. Der Wal war von Helfern aus einer flachen Bucht vor der Insel Poel geborgen worden. „Ja, es steckt Lebenswillen in ihm, keine Frage“, sagte Ritter der Deutschen Presse-Agentur.

Bisherige Erfahrungen übertroffen

„Üblicherweise überleben Großwale wiederholte Strandungen nur um wenige Tage“, erklärte Ritter. Dies habe zu der Empfehlung geführt, den Wal in Würde sterben zu lassen und keine Rettungsmaßnahmen vorzunehmen. „Dass sich das anders und zu einem Drama ohne gleichen entwickelt, konnte keiner wissen.“ Der Ausgang der bisher einmaligen Rettungsaktion sei aus Sicht von Ritter völlig offen.

Stress durch Transport

Der Transport in ungewohnter und lauter Umgebung sei sehr stressig für das Tier. „Wir wissen nicht, was das mit dem Wal macht“, sagte Ritter. Es gebe keine Präzedenzfälle. Grundsätzlich sei der Gesundheitszustand des Wals nicht gut. „Das sagen alle, auch die Befürworter der Rettungsaktion.“ Es gebe eine lange, traumatische Vorgeschichte: Das Tier habe sich in Netzen verfangen, sei wochenlang herumgeirrt und habe fünf Selbststrandungen hinter sich. „Das sind deutliche Zeichen, dass der Wal alles andere als fit ist.“

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Entscheidender Moment der Freilassung

Entscheidend werde der Moment der Freilassung sein, so Ritter. Es müsse sichergestellt werden, dass der Wal Nahrung aufnehmen kann und dass er normal schwimmen und tauchen könne. Letzteres sei fraglich nach so langer Liegezeit, die sich auf die Muskulatur und die inneren Organe auswirke. Die Frage der Nahrungsaufnahme stelle sich, da zwischenzeitlich Netzteile in seinem Maul entdeckt worden waren. „Von einer Rettung kann erst gesprochen werden, wenn der Wal über Wochen nach der Freilassung normales Verhalten zeigt“, erläuterte der Meeresbiologe.

Botschaft für den Meeresschutz

Ritter wies darauf hin, dass weltweit jährlich etwa 300.000 Wale und Delfine in Fischernetzen verendeten, viele Tausend davon in Europa. Wenn es eine Botschaft der Aktion für den Wal von Poel gebe, dann die, dass sie zu einem Bewusstseinswandel der Menschen beitrage, „dass wir über unser Verhalten gegenüber den Meeren und seiner Bewohner nachdenken und es ändern“. Das könne damit beginnen, die Stellnetzfischerei in Schutzgebieten zu untersagen. Das könne auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus in seinem Land veranlassen, wo es sein Zuständigkeitsbereich sei. Aber auch jeder und jede Einzelne könne über die Einschränkung des persönlichen Fischkonsums einen Beitrag zum Schutz der Meere leisten.

Bedauern über Hassbotschaften

Er empfinde es als bedauerlich, dass er und Kolleginnen und Kollegen das Ziel von Anfeindungen und Hassbotschaften geworden seien. Dabei gehöre es zum normalen, demokratischen Diskurs, dass man konträre Meinung gelten lasse und nicht aufeinander losgehe. Es könne nicht sein, „dass wir über die Liebe zu einem einzelnen Wal den Hass untereinander schüren“, so Ritter.

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