Falknerei in Vorpommern: Vom DDR-Niedergang zur Wiederbelebung einer Jagdkunst
Falknerei in Vorpommern: Vom DDR-Niedergang zur Wiederbelebung

Falknerei in Vorpommern: Vom DDR-Niedergang zur Wiederbelebung einer Jagdkunst

Ein Klassiker der Jagdkunst erlebt in Vorpommern eine bemerkenswerte Renaissance. Gerd Borgwardt aus Demmin widmet sich seit Jahrzehnten der Falknerei und zeigt, wie die traditionelle Beizjagd mit Greifvögeln funktioniert. Auf seiner Anlage beheimatet er vier Wanderfalken, von denen zwei für die Jagd eingesetzt werden und zwei für Zuchtzwecke dienen. Doch der Weg dorthin war lang und von historischen Umbrüchen geprägt.

Von der Schliefanlage zur Leidenschaft für Greifvögel

Alles begann im Jahr 1976, als Borgwardts Schwiegervater eine Schliefanlage betrieb – ein unterirdisches Gangsystem zur Ausbildung von Jagdhunden für die Fuchsjagd. In dieser Zeit lernte er den Falkner Friedrich Jabs kennen, der zwei Habichte für die Jagd abgerichtet hatte. „Ich war begeistert und entschied mich, mitzumachen“, erinnert sich Borgwardt. Im Mai 1978 legte er die Jagdprüfung ab, gefolgt von der Falknerprüfung im Herbst desselben Jahres.

Zu DDR-Zeiten hatten Falken eine untergeordnete Bedeutung, da sie nahezu ausgestorben waren. „Nur mit Habichten wurde gejagt“, blickt Borgwardt zurück. Erst durch Kontakte zu westdeutschen Falknern bei Besuchen in Polen in den Jahren 1986 und 1989 erweiterte sich sein Horizont. Auf Beizjagden lernte er den Umgang mit Falken kennen, was seine Leidenschaft vertiefte.

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Historische Wurzeln und kulturelle Bedeutung

Die Falknerei blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Beim Adel war sie hoch angesehen, und der Falke galt als prestigeträchtiges Geschenk in Königshäusern. Kaiser Friedrich II. aus dem Adelsgeschlecht der Staufer war einer der bedeutendsten Falkner. Sein Werk „De arte venandi cum avibus“ („Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen“) dient noch heute als wertvolles Nachschlagewerk für Falkner.

Erstaunlicherweise wurde die Falknerei in der DDR nicht als feudalistisches Überbleibsel abgetan, sondern als Teil des nationalen Kulturerbes gepflegt. Nach der Wende eröffneten sich neue Möglichkeiten: 1992 trat Borgwardt in den deutschen Falkenorden ein und erwarb ein Jahr später ein Falkenweibchen von einem Allgäuer Falkner.

Aufwendiges Training und jagdliche Praxis

„Die Jagd mit Wanderfalken ist ganz anders als mit dem Habicht“, erklärt Borgwardt. Die Vorbereitung ist komplex und erfordert Geduld. Zunächst müssen die Vögel auf ihr ideales Jagdgewicht gebracht werden: 700 Gramm für den männlichen Terzel und 1000 Gramm für das weibliche Weib. Anschließend folgt ein mehrstufiges Training:

  • Anlegen der Lockschnur, um Reflexe auf die Faust des Falkners zu konditionieren
  • Einführung einer Beuteattrappe und Gewöhnung an die Stimme des Falkners mit Schutzhaube
  • Erste Übungsflüge im freien Gelände mit langer Schnur
  • Erster Freiflug mit Sender auf dem Rücken des Falken zur Ortung

UNESCO-Kulturerbe und aktuelle Herausforderungen

Im Jahr 2021 wurde die Falknerei von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. An dem Antrag beteiligten sich zahlreiche Staaten, darunter Marokko, Portugal, Deutschland, Polen, Saudi-Arabien, die Mongolei und Südkorea. In der Region Demmin startet die Jagdsaison im September und dauert bis Mitte Januar. Borgwardts Revier erstreckt sich um die Tollense und anliegende Gräben, wo seine Falken vor allem Stockenten jagen.

Als einer von 37 Falknern in Mecklenburg-Vorpommern ist Borgwardt auch berufener Prüfer für Neueinsteiger. Darüber hinaus engagiert er sich in der Horstsuche für Seeadler, Fischadler und Wanderfalken sowie in Beringungsaktionen. „Die größten Gefahren für unsere Vogelwelt sind die Vogelgrippe und die mittlerweile große Zahl an Windrädern“, warnt der Demminer.

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Emotionale Höhepunkte und persönliche Erinnerungen

Auf die Frage nach seinen schönsten Erlebnissen erzählt Borgwardt: „1995 begann der Landesjagdverband mit der Auswilderung von Wanderfalken in Bäumen. Damals bin ich noch selbst hochgeklettert“. Ein besonderer Moment war das Jahr 2000, als er ein erstes baumbrütendes Falkenpaar in einem Kunsthorst beobachtete. „Da schlug mein Herz schneller“, gesteht der Rentner. Diese Erfahrungen unterstreichen die tiefe Verbindung zwischen Falkner und Vogel, die über reine Jagdtechnik hinausgeht.