Buckelwal vor Poel: „Free Willy“-Team aus Island soll helfen
Buckelwal vor Poel: Free-Willy-Team aus Island im Einsatz

Seit Ende März hält ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal die Region um die Insel Poel in Atem. Das Tier strandete mehrfach auf Sandbänken, verlor zunehmend an Kraft und wurde zwischenzeitlich von Experten aufgegeben. Die Bilder des gestrandeten Meeressäugers lösten bundesweit eine Welle der Anteilnahme aus und entfachten eine Debatte über das richtige Vorgehen. Seit einer Woche läuft vor Poel eine bislang beispiellose Rettungsaktion, bei der private Helfer und Spezialfirmen versuchen, den Wal zu befreien und in die offene See zu schleppen. Finanziert wird der Plan von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert.

„Free Willy“-Team aus Island eingetroffen

Am Donnerstagmittag traf das dreiköpfige „Free Willy“-Team aus Island vor Ort ein. Es handelt sich um Jeffrey Foster, Michael Partica und Tierpflegerin Kyra Wadsworth von der Organisation „Whale Sanctuary Project“. Die Experten waren bereits an der Auswilderung des berühmten Orcas Keiko beteiligt, der durch den Film „Free Willy“ weltbekannt wurde. Keiko verstarb 2003 vor der Küste Norwegens an einer Lungenentzündung. Die isländischen Helfer sollen den Buckelwal nicht nur in der Bucht betreuen, sondern auch während des geplanten Transports Richtung Atlantik begleiten.

Expertin: Handauflegen beruhigt Wal nicht

Die Wal-Expertin Frances Gulland äußerte sich gegenüber dem „Spiegel“ skeptisch über die Möglichkeiten, das Verhalten von Walen gezielt zu beeinflussen. „Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, und wir können sie nicht durch Handauflegen beruhigen“, sagte die auf Meeressäuger spezialisierte Tierärztin. Sie hatte 2007 an Rettungsaktionen für zwei Buckelwale im Sacramento River teilgenommen. „Wir haben vieles ausprobiert: Walrufe, Alarmtöne, Metallgeräusche, Motoren, sogar Wasser aus Feuerwehrschläuchen“, berichtete sie. Keiner dieser Versuche habe verlässlich dazu geführt, dass die Tiere in die gewünschte Richtung schwammen. „Als wir nichts mehr taten, schwammen sie ins Meer.“ Gulland betonte, dass Umweltfaktoren wie Gezeiten und Strömungen das Verhalten stark beeinflussen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Neues Konzept: Wal soll mit Schute transportiert werden

Die Wal-Retter haben ein überarbeitetes Konzept erarbeitet. Laut Medienberichten soll der Wal statt mit einem Ponton mit einer flutbaren Schute in den Atlantik gezogen werden. Umweltminister Till Backhaus (SPD) habe keine Einwände, hieß es. Das Tier wäre in der Schute komplett im Wasser, könnte aber nicht entkommen. Der „Anhänger“ kommt aus Hamburg, benötigt jedoch fast einen ganzen Tag bis zum Ziel und muss in der Wismarer Werft umgerüstet werden. Das Konzept ist noch nicht bestätigt; die Veterinäre haben noch Fragen. Mit der Bestätigung wird noch heute gerechnet.

Kanal wird ausgebaggert

Derzeit wird an der Fertigstellung eines Kanals gearbeitet. Rund 110 Meter liegen zwischen dem Tier und der Seewasserstraße. Der Kanal wird auf zehn Meter Breite und zwei Meter Tiefe ausgebaggert und abgesaugt. Die Arbeiten sollen zwei Tage dauern. Ein größerer Bagger, der bereits am Timmendorfer Strand im Einsatz war, wird heute Abend oder morgen früh erwartet. Der Wasserstand ist gestiegen, sodass der Wal sich bewegen kann. Er liegt nach wie vor in einer Art „Badewanne“, wie es hieß.

Gesundheitszustand des Wals kritisch

Der Gesundheitszustand des Wals ist nach Angaben von Minister Backhaus sehr kritisch. Stress mache ihn kurzatmig. Trotzdem solle das Tier irgendwie ins tiefere Wasser gebracht werden. Der Wal könne das auch noch aus eigener Kraft schaffen. Der ursprüngliche Plan mit Netz und Pontons werde aber nicht mehr umgesetzt werden können. Backhaus betonte: „Das ist nun mal ein lebender Organismus und er hat gezeigt, dass er schwimmen will.“ Man arbeite mit Hochdruck an weiteren Maßnahmen. Der Wal habe in der Nacht rund 80 Meter zurückgelegt, sei aber noch nicht in der Fahrrinne.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Tierärztin in Lebensgefahr

Die leitende Tierärztin des Rettungsteams, Janine Bahr-van Gemmert, musste am Dienstag mit Kreislaufsymptomen und Schlaganfall-Auffälligkeiten ins Krankenhaus gebracht werden. Sie wurde notoperiert und befindet sich im Koma. Ihr Zustand ist weiterhin lebensbedrohlich. Die Tierretter bangen nun nicht nur um das Leben des Wals, sondern auch um das der Ärztin. Eine neue Tierärztin, Ina Rheker aus Klütz, ist eingesprungen. Sie stellte klar, dass es keine tierschutzkonforme Euthanasie bei einem Wal dieser Größe geben könne.

Kritik an der Rettungsaktion

Die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace, die zwischenzeitlich aus Hawaii eingeflogen war, hat das Team verlassen und übt scharfe Kritik. Auf Facebook schilderte sie, dass sie zwischen dem Risiko, ihren Job zu verlieren, und dem Bleiben bei dem Wal habe wählen müssen. Sie kritisierte das Ministerium und Minister Backhaus sowie den Helfer Sergio Bambaren. Dieser habe die Rettungsaktion mehrfach gefährdet, so Wallace. Bambaren wies die Vorwürfe zurück. Auch der Naturschutzbund (Nabu) äußerte sich besorgt über die Aktionen der Privatinitiative und forderte, für die Zukunft Lehren zu ziehen.

Bürgerinitiative will Rettung stoppen

Beim Verwaltungsgericht Schwerin ist ein Antrag einer Bürgerinitiative eingegangen, der darauf abzielt, die Rettungsmaßnahmen einzustellen. Das Gericht zweifelt jedoch an der Antragsbefugnis. Die derzeitigen Bemühungen werden nicht von Behörden, sondern von einer privaten Initiative unternommen. Das Land duldet und überwacht die Maßnahmen.

Wal hat noch nichts gefressen

Dem Wal wurde am Dienstagabend zweieinhalb Kilogramm Fisch angeboten, um seinen Kopf in eine günstige Richtung zu lenken. Er habe die Makrelen jedoch nicht gefressen. Buckelwale können Monate ohne Nahrung überleben, dennoch ist die fehlende Nahrungsaufnahme ein Zeichen für seine Schwäche.

Wasserspiegel und Wetterlage

Der Wasserstand in der Wismarbucht liegt derzeit etwa 20 Zentimeter unter dem normalen Niveau. Gegen Mittag soll er um etwa 15 Zentimeter steigen, bevor er am Abend wieder fällt. Das Niedrigwasser erschwert die Rettung erheblich, da der Wal bei zu flachem Wasser von seinem eigenen Gewicht erdrückt werden könnte.

Öffentliche Anteilnahme und wirtschaftliche Folgen

Die Rettung des Wals verfolgen Menschen in ganz Deutschland. Viele Schaulustige kommen nach Poel, was bei den Gastronomen zu Umsatzverlusten von bis zu 70 Prozent führt. Gäste sagen Reservierungen ab, während Presseleute vor allem Kaffee bestellen. Im Gästebuch der Kirche auf Poel finden sich neben guten Wünschen auch kritische Einträge, die den Umgang mit dem Tier bemängeln.

Ausblick

Die Rettungsbemühungen konzentrieren sich derzeit darauf, dem Wal mehr Platz zu verschaffen. Ein Team arbeitet mit Hochdruck an der weiteren Ausarbeitung des Konzepts. Minister Backhaus zeigte sich zuversichtlich, dass der Wal gerettet werden kann. Er könne sich vorstellen, auf Poel später ein Bronzedenkmal für den Wal als Mahnung zu errichten. Der Wal werde auf jeden Fall in die Geschichte eingehen.