Seit Ende März hält ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal die Region um die Insel Poel in Atem. Das Tier strandete mehrfach auf Sandbänken, verlor zunehmend an Kraft und wurde von Experten bereits aufgegeben. Die Bilder des gestrandeten Meeressäugers lösten bundesweit eine Welle der Anteilnahme aus und entfachten eine Debatte über das richtige Vorgehen bei solchen Rettungsaktionen.
Rettungsaktion mit privater Finanzierung
Seit einer Woche läuft vor Poel eine beispiellose Rettungsaktion. Ein Team aus privaten Helfern und Spezialfirmen versucht, den stark geschwächten Buckelwal zu befreien und in die offene See zu schleppen. Finanziert wird der Einsatz von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert.
110 Meter trennen Wal vom tieferen Wasser
Das private Einsatzteam arbeitet daran, dem Wal einen Weg in tieferes Wasser zu schaffen. Dazu soll eine 110 Meter lange, zehn Meter breite und rund zwei Meter tiefe Rinne von der derzeitigen Liegeposition des Wals bis ins Fahrwasser ausgehoben werden, erklärte Fred Babbel, Chef des beteiligten Tauchunternehmens. Ein zweiter Bagger ist dafür vorgesehen. Die Arbeiten werden voraussichtlich zwei Tage dauern.
Die eigentliche Fahrrinne, die aus der Bucht führt, hat eine durchschnittliche Tiefe von vier bis fünf Metern. Der Wal liegt derzeit im Flachwasser in einer Art Becken, das unter ihm freigespült wurde. Dadurch konnte das Tier tiefergelegt werden, um das Atmen bei sinkenden Wasserständen zu erleichtern. Das etwa zwölf Tonnen schwere Tier berührt zwar den Boden, liegt aber nicht auf, so Babbel. Aus der Kuhle kann der Wal derzeit jedoch nicht entkommen. Geplant ist, zunächst die Rinne zu ziehen und dann eine Wand der Kuhle einzureißen, damit der Wal hinausschwimmen kann.
Experten aus Island eingetroffen
Ein dreiköpfiges Team der Organisation „Whale Sanctuary Project“ aus Island ist bereits vor Ort. Jeffrey Foster, Michael Partica und Tierpflegerin Kyra Wadsworth sollen an der Auswilderung des berühmten Orcas Keiko beteiligt gewesen sein. Sie sollen den Wal nicht nur in der Bucht betreuen, sondern auch während des geplanten Transports Richtung Atlantik begleiten.
Kritik und Herausforderungen
Die Wal-Expertin Frances Gulland betonte gegenüber dem „Spiegel“, dass eine gezielte Beeinflussung des Verhaltens von Walen sehr schwierig sei. „Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, und wir können sie nicht durch Handauflegen beruhigen.“ Umweltfaktoren wie Gezeiten und Strömungen beeinflussten das Verhalten stark. Jeder Einsatz hänge von einer Kombination aus medizinischer Einschätzung und konkreten Umweltbedingungen ab.
Unterdessen sorgt die Rettungsaktion auch für Diskussionen in der Bevölkerung. Während viele Menschen das Leben des Tieres unterstützen, beklagen Gastronomen auf Poel Umsatzverluste von bis zu 70 Prozent. Gäste sagten Reservierungen ab, berichtete Kellnerin Mandy Hartung vom Restaurant Kröning's Fischbaud. Die Presseleute kompensierten das Wegbleiben anderer Kunden nicht.
Tierärztin im Koma
Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert, die an der Rettungsaktion beteiligt war, musste operiert werden und liegt nun im Koma. Das Robbenzentrum Föhr, das sie mitgründete, bittet von weiteren Fragen abzusehen. Die Tierärztin war zuvor mit Kreislaufsymptomen und Schlaganfall-Auffälligkeiten ins Krankenhaus gebracht worden.
Aussichten und nächste Schritte
Umweltminister Till Backhaus zeigte sich zuversichtlich, dass der Wal lebend aus der Bucht gebracht werden kann. „Wir sind guter Dinge, dass wir den Wal hier lebend rausbekommen“, sagte Fred Babbel. Das Konzept muss noch von den Veterinären bestätigt werden, womit noch heute gerechnet wird.
Der Wasserstand ist inzwischen wieder gestiegen, sodass der Wal sich etwas bewegen kann. Er liegt weiterhin in seiner Kuhle, aber die Helfer arbeiten mit Hochdruck an der Fertigstellung des Kanals. Ein größerer Bagger, der bereits am Timmendorfer Strand im Einsatz war, wird heute Abend oder morgen früh erwartet.



