Erinnerungen an die Kindheit: So waren die Sommer auf Rügen zu DDR-Zeiten wirklich
Peter Grünke, ein heute 67-jähriger Berliner, blickt mit bewegter Nostalgie auf seine Jugendjahre auf der Insel Rügen zurück. Aufgewachsen in Binz, beschreibt er seine Heimat damals als ein überschaubares Dorf, in dem jeder jeden kannte und die Wintermonate in fast vollständiger Stille verliefen, da kaum Urlauber die Insel besuchten.
Der Sommer begann mit der Radio DDR-Ferienwelle
Für Peter und seine Freunde startete der Sommer stets am 1. Mai, wenn die Radio DDR-Ferienwelle ihr Programm aufnahm. Die Jugendlichen lauschten guter Musik, begleitet von interessanten regionalen und wenigen überregionalen Nachrichten. Mit der einsetzenden Reisewelle strömten dann zahlreiche Urlauber auf die Insel und brachten einen aufregenden frischen Wind mit.
„Hübsche Mädchen, Jungs mit langen Haaren, Jesuslatschen, viele fremde Dialekte, aber auch Disko, Kino, Zirkus und Rummel. Das war spannend“, erzählt Peter Grünke. Die Menschen aus verschiedenen Teilen der DDR und die vielfältigen Eindrücke boten dem jungen Mann eine faszinierende Abwechslung zum tristen Alltag.
Patenschaft mit dem Bademoden-Hersteller OLUBA
Ein Höhepunkt jedes Sommers war der letzte Schultag vor den Ferien. Während Peter den letzten Fahnenappell möglichst schnell hinter sich bringen wollte, beobachtete er die Lastwagen des VEB Strickwaren Oberlungwitz, der unter den Markenzeichen Goldfisch und später OLUBA bekannt war. Dieser Betrieb hatte mit der örtlichen Oberschule einen Patenschaftsvertrag geschlossen.
„Die OLUBA-Betriebshandwerker renovierten die Klassenzimmer und reparierten Schäden. Im Gegenzug ermöglichte die Firma den Kindern ihrer Mitarbeiter einen Sommeraufenthalt an der Ostsee“, erklärt Grünke. Er und seine Mitschüler halfen aktiv bei den Umbauten, um die Schule in ein Ferienlager zu verwandeln – ohne Bezahlung, aber mit gelegentlichem freiem Eintritt zu abendlichen Veranstaltungen.
Großes Gedränge und ein cleverer Trick an der Kaufhalle
Die touristischen Massen brachten jedoch auch Herausforderungen mit sich. Überall in Binz bildeten sich lange Schlangen – vor der Kaufhalle, in Läden, vor dem Kino oder der Diskothek. „Es herrschte immer ein großes Gedränge, nicht nur in Binz“, erinnert sich Grünke. Um Berufstätigen das Leben zu erleichtern, hing in der einzigen Binzer Kaufhalle ein Schild: „Berufstätige werden an dieser Kasse bevorzugt bedient.“
Doch auch diese Maßnahme stellte den jungen Peter vor Probleme. „Vor der Kaufhalle gab es nur etwa 25 Einkaufswagen. Um einen zu ergattern, musste man sich als Werktätiger outen“, berichtet er. Als 17- oder 18-Jähriger mit sonnengebräuntem Teint und langen Haaren sah er jedoch nicht aus wie ein Fischer oder Maurer.
Während seiner Lehrzeit bei der Bahnmeisterei Bergen entwickelte er deshalb einen genialen Trick: Er zog seine graue Hemdbluse mit Schulterstücken und einem Aufnäher mit Flügelrad an. „Der einzige Stern auf den Schulterstücken zeigte zwar, dass ich noch Lehrling war, aber sie verschafften mir ein äußeres Erscheinungsbild, das mich als Werktätigen auswies. So konnte ich an der langen Schlange vorbei und schneller mein Einkaufsziel erreichen“, erzählt er lachend.
Ferienjob im Postamt und der Traum vom Kassettenrekorder
In den Schulferien jobbte Peter im Binzer Postamt, wo er im grauen B 1000 schwere Pakete der Urlauber auslieferte. Damals reisten die meisten Gäste mit der Bahn an – Mutter, Vater, zwei Kinder – und brachten viel Gepäck mit. Viele verschickten ihre Pakete bereits eine Woche oder länger im Voraus an ihre Urlaubsdestination.
Doch Verpackungsmaterial war rar: „Es war schwer, stabile Kartons zu bekommen“, erinnert sich Grünke. Die Post stellte robuste Postmietbehälter bereit, die für 50 Pfennige gemietet werden konnten. Diese mussten innerhalb von drei Tagen nach Zustellung wieder leer abgegeben werden, um Überziehungsgebühren zu vermeiden.
Peter, der die Pakete zustellte, erhielt häufig Trinkgeld, wenn Vermieterfamilien das Rückgabedatum auf den Begleitzetteln „vergessen“ hatten. „Mit dem Verdienst als Paketbote und reichlichem Trinkgeld konnte ich sogar meinen Traum vom eigenen Kassettenrekorder erfüllen“, berichtet er stolz.
Vom Traum zur See zur Karriere bei der Bahn
Heute lebt Peter Grünke in Berlin. Seinen großen Traum, zur See zu fahren, konnte er nicht verwirklichen, da ihm wegen Westverwandtschaft der Zugang verweigert wurde. Stattdessen entschied er sich für eine Karriere bei der Bahn. Nach seiner Ausbildung zum Gleisbaufacharbeiter mit Abitur und dem Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee in Rostock verweigerte man ihm ein Hochschulstudium, da er der Kirche nahestand.
Daraufhin besuchte er die Ingenieurschule für Verkehrswesen in Dresden und zog 1983 nach Berlin. „Seit Juli 2024 bin ich Rentner“, sagt Grünke. Als DB Seniorexperte gab er auch danach noch sein Wissen an seine Nachfolger weiter und war insgesamt fast 50 Jahre bei der Bahn tätig.
Binz heute: Zwischen Touristenhochburg und Coronazeit-Charme
Obwohl Peter Grünke Berlin zu seiner neuen Heimat gemacht hat, hält er den Kontakt zu Rügen aufrecht. Sein fünf Jahre älterer Bruder Lutz und dessen Frau Kathrin wohnen noch immer auf der Insel. Der Senior betrachtet die Veränderungen in Binz kritisch: Souvenirgeschäfte und Gastronomiebetriebe haben die einst vertrauten Läden verdrängt und Binz in eine Touristenhochburg verwandelt.
„Wenn ich auf Rügen bin, meide ich diese Orte und suche lieber die Ruhe an anderen Plätzen, wie bei den Hünengräbern“, erklärt er. Nur während der Coronazeit erlebte Grünke, der aus dienstlichen Gründen auf die Insel durfte, noch einmal, wie Binz früher war.
„Die Leute hielten mit dem Fahrrad mitten auf der Hauptstraße an, andere schauten aus den Fenstern, und man klönte wieder miteinander. Das erinnerte mich so sehr an meine Jugendzeit“, erzählt der Vater von drei Kindern und Großvater von fünf Enkelkindern mit leuchtenden Augen.



