Evangelische Kirche positioniert sich vor Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern stehen in diesem Jahr Landtagswahlen an, und die Evangelische Kirche bereitet sich intensiv auf die politischen Veränderungen vor. Bischof Tilman Jeremias, der im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelischen Nordkirche amtiert, erläutert im Gespräch die doppelte Strategie der Kirche: Einerseits engagiert sie sich als Teil eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses für Demokratie und eine offene Gesellschaft. Andererseits bereitet sie sich auf mögliche Konfrontationen vor, sollte die AfD an die Regierung kommen.
Vorbereitung auf mögliche Konflikte mit der AfD
„Wir verfolgen da zwei Stränge“, erklärt Bischof Jeremias. „Einerseits wollen wir als Kirche zu dem breiten Bündnis zivilgesellschaftlicher Kräfte gehören, das sich für eine offene Gesellschaft und für Demokratie starkmacht.“ Die Kirche stellt Gemeinden Werbebanner und Material zur Verfügung, um für demokratische Werte zu werben und den Dialog mit Bürgern zu suchen. Gleichzeitig beobachtet die Kirche mit Sorge die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt, wo die AfD in ihrem Wahlprogramm massiv gegen Kirchen positioniert ist.
„Wir setzen uns deswegen auch damit auseinander, wie wir reagieren, wenn das ab September auf uns zukäme“, so Jeremias. Konkret bereitet sich die Kirche auf mögliche Angriffe vor, etwa die Abschaffung von Staatsleistungen oder die Einstellung des Kirchensteuereinzugs durch Finanzämter. Zwar gilt die AfD in Mecklenburg-Vorpommern als gemäßigter als in Sachsen-Anhalt und ist nicht als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft, doch Jeremias warnt: „Es wird kein Spaß werden für die Religionsgemeinschaften und für uns als Kirchen nicht, sollte die AfD in Mecklenburg-Vorpommern an die Regierung kommen.“
Christliche Werte als Fundament der Kritik
Die inhaltlichen Differenzen zwischen Kirche und AfD sind tiefgreifend. „Für uns als Christinnen und Christen ist es wesentlich, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind“, betont der Bischof. „Die Bibel berichtet sogar, dass sie Ebenbilder Gottes sind.“ Diese theologische Grundüberzeugung führt zur Unantastbarkeit der Menschenwürde, wie sie auch im Grundgesetz verankert ist. „Dann gibt es da keine Abstufungen zwischen unterschiedlichen Gruppen. Dann haben gebürtige Deutsche keinen höheren Wert als zum Beispiel Menschen, die zugewandert sind.“
Jeremias kritisiert insbesondere die Pläne der AfD, das Sozialsystem so umzubauen, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte benachteiligt würden. „Das kollidiert mit der Gleichwertigkeit aller Menschen, an die wir als Christen glauben.“
Dialogformate als Brücke in der polarisierten Gesellschaft
Um auch konservative Wähler zu erreichen, die nicht rechtsextrem sind, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gemeinsam mit der Diakonie die Initiative „Verständigungsorte“ gestartet. „Wir laden Menschen ohne jede Voraussetzung zu Gesprächen ein“, erklärt Jeremias. „Wir treffen uns an einem neutralen Ort, zum Beispiel bei der Feuerwehr, wo niemand Schwellenangst haben muss.“
In diesen Gesprächen darf jeder offen seine Meinung sagen, solange keine Menschenverachtung stattfindet und alle fair bleiben. „Ich habe erlebt, dass es für Menschen befreiend ist, wenn sie eine Gelegenheit bekommen, angstfrei zu sagen, was sie denken.“ Der Bischof betont, dass in Deutschland Meinungsfreiheit herrsche – solange die Würde anderer Menschen nicht verletzt werde.
Kirche zwischen politischer Positionierung und neutraler Moderation
Die Kirche befindet sich in einer Gratwanderung zwischen politischer Positionierung und der Rolle als neutraler Moderator. „Als Kirche machen wir keine Parteipolitik“, stellt Jeremias klar. „Wenn wir uns politisch äußern, berufen wir uns immer auf unseren christlichen Glauben.“ So tritt die Kirche beispielsweise für den Klimaschutz ein, basierend auf dem biblischen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren.
„Dass wir die Schöpfung bewahren, ist ja keine ‚politische Richtung‘, sondern ein göttlicher Auftrag“, so der Bischof. Die Kirche setzt sich für erneuerbare Energien ein und stellt eigene Flächen für Windkraft zur Verfügung. Gleichzeitig sucht sie den Dialog mit Anwohnern, um Bedenken bezüglich Landschaftsbild, Schattenwurf und Geräuschen ernst zu nehmen.
Sorge um soziale Einrichtungen und Sonntagsschutz
Neben der Auseinandersetzung mit der AfD äußert Jeremias auch Kritik an der aktuellen Sozialpolitik in Mecklenburg-Vorpommern. „Als Kirche sind wir mit der Diakonie natürlich im sozialen Bereich unterwegs. Wir sehen, wie an dieser Stelle viel eingespart werden soll.“ Beratungsstellen für Sucht und Asyl seien chronisch unterfinanziert, und in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen drohe eine pauschale Finanzierung, die den individuellen Bedarf ignoriere.
„Da ist es für uns als Kirche auch gar nicht relevant, welche Partei hinter solch einem Sozialabbau steht“, betont Jeremias. „Da fühlen wir uns als Christen verantwortlich dafür, Fürsprecherinnen und Fürsprecher für die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu sein.“
Zum Thema Sonntagsschutz äußert der Bischof Kritik an der jüngsten Bäderregelung. „Für mich ist der Gedanke, dass die gesamte Gesellschaft einen Tag der Ruhe und des Durchatmens hat, ein ganz zentraler.“ Der arbeitsfreie Sonntag sei kein religiöses Sondergut, sondern ein allgemeines Gut für möglichst viele Menschen.
Ostern als Symbol der Hoffnung
An Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu – ein Glaubensbekenntnis, das im 21. Jahrhundert herausfordernd erscheinen mag. „Ich halte mich fest an den biblischen Erzählungen, die von dieser Auferweckung Jesu erzählen“, sagt Jeremias. Persönliche Erfahrungen, wie die Beerdigung eines jungen Theologiestudenten, der an Krebs starb, bestärken ihn in dieser Hoffnung. „Hätte ich diese Hoffnung nicht, dass es Erlösung gibt, könnte ich wohl auch gar nicht leben. Für mich ist das das wichtigste Fundament meines Glaubens.“
Die Kirche sieht sich in polarisierten Zeiten als Brückenbauer, der den Dialog zwischen verschiedenen politischen Positionen fördert, ohne die eigenen christlichen Werte zu verleugnen. In den kommenden Monaten bis zur Landtagswahl will sie diese Rolle aktiv ausfüllen.



