Brandenburg startet Rettungsprogramm: Neuer Studiengang für bedrohte sorbische Sprache
Neuer Studiengang soll bedrohte sorbische Sprache retten

Brandenburg startet Rettungsprogramm: Neuer Studiengang für bedrohte sorbische Sprache

Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) startet im Herbstsemester 2026 mit einem außergewöhnlichen neuen Studiengang. Das Besondere daran: Der Studiengang widmet sich einer akut vom Aussterben bedrohten Sprache, die in Brandenburg Verfassungsrang genießt.

Sprache mit Verfassungsrang in akuter Gefahr

Niedersorbisch, die traditionelle Sprache der sorbischen Minderheit in der Lausitz, steht vor einer existenziellen Krise. Nur noch wenige tausend Menschen beherrschen diese slawische Sprache aktiv. Eine kontrovers diskutierte Studie aus dem Jahr 2025 kam zu dem erschütternden Ergebnis, dass lediglich 50 bis 100 Personen als kompetente Sprecher eingestuft werden können. Diese alarmierenden Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit von Maßnahmen zur Sprachbewahrung.

Die Bewahrung und Förderung der sorbischen Sprache hat in Brandenburg tatsächlich Verfassungsrang. Dies zeigt sich auch am Brandenburger Landtag, wo ein Schild mit der niedersorbischen Bezeichnung Krajny Sejm Bramborska prangt. An etwa zwei Dutzend Schulen in der Lausitz, vorwiegend in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis, wird Niedersorbisch bereits unterrichtet. Das Witaj-Programm setzt sogar noch früher an und fördert die zweisprachige Erziehung bereits im Kindergartenalter.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Akuter Lehrermangel erfordert neue Wege

Doch trotz dieser Bemühungen gibt es ein massives strukturelles Problem: den akuten Mangel an qualifizierten Lehrkräften. In den vergangenen Jahren schrieben sich durchschnittlich nur ein einziger Student pro Semester für den bisher einzigen Niedersorbisch-Studiengang an der Sorabistik der Universität Leipzig ein. Dieser Studiengang wurde mit finanzieller Unterstützung des Landes Brandenburg betrieben, um dringend benötigte Lehrer für das Schulfach auszubilden.

„Die Zukunft des sorbischen Volkes, der sorbischen Sprache und Kultur hängt ganz wesentlich daran, ob es gute Angebote an den Schulen und an der Primarstufe gibt“, betont Tobias Dünow, der Sorbenbeauftragte des Landes Brandenburg. Der Mangel an neuen Lehrern hat bereits konkrete Folgen: Nicht mehr an allen Schulen, die das Fach einst anboten, kann Niedersorbisch heute noch unterrichtet werden.

Neuer Studiengang als Hoffnungsträger

Ab dem Wintersemester 2026/2027 soll sich diese prekäre Situation ändern. Die BTU Cottbus-Senftenberg bietet dann Niedersorbisch als Zweitfach im Lehramtsstudium für Grundschullehrer an. Für dieses ambitionierte Projekt werden pro Semester zwölf Studienplätze geschaffen, zusätzlich eine Juniorprofessur und eine Mitarbeiterstelle an der Universität eingerichtet.

Die Unterstützung für das neue Angebot kommt von verschiedenen Seiten:

  • Der Rat für die Angelegenheiten der Sorben und Wenden beim Brandenburger Landtag
  • Das Sorbische Institut als außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit Standorten in Cottbus und Bautzen
  • Stipendienmöglichkeiten der Stadt Cottbus und des Spree-Neiße-Kreises

„Der Bedarf ist dramatisch hoch“, erklärt Delia Münch, die bildungspolitische Sprecherin des Sorbenrats. „Der Wunsch nach einer eigenen Ausbildung besteht schon lange.“ Ähnlich wie bei der Ausbildung von Landärzten in Cottbus und Neuruppin hoffen die Verantwortlichen, dass ein wohnortnahes Studienangebot mehr junge Menschen aus der Lausitz für ein Niedersorbisch-Studium begeistern kann.

Zielgruppe und Voraussetzungen

Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf die Abiturienten des Niedersorbischen Gymnasiums in Cottbus, wo Sorbisch bereits als Abiturfach etabliert ist. Die meisten dieser Absolventen verfügen über Sorbischkenntnisse auf dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Sprachrahmens, was als Empfehlung für den Studienstart gilt.

„Die Studierenden werden vom ersten Tag an in die sorbischen Communities eingebunden“, verspricht Prof. Peer Schmidt, Vizepräsident der BTU. Für Studieninteressierte ohne entsprechende Vorkenntnisse sollen spezielle Sprachkurse angeboten werden. Brandenburg ermöglicht zudem auch Menschen ohne Abitur, aber mit berufspraktischen Erfahrungen – beispielsweise Erziehern, die bereits in Kitas mit Niedersorbisch gearbeitet haben – den Zugang zum Studium.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Ein Experiment mit ungewissem Ausgang

Trotz aller Bemühungen bleibt das neue Studium ein Experiment mit ungewissem Ausgang. „Wir tun alles dafür, dass es funktioniert“, sagt Sorbenbeauftragter Dünow. Sollte sich in Senftenberg jedoch ein ähnlich geringes Interesse wie bisher in Leipzig zeigen, müsse man nach Möglichkeiten suchen, das Studium attraktiver zu gestalten. „Aber wenn man merkt, dass es gar nicht funktioniert, wird man es auch wieder einstellen müssen“, räumt er realistisch ein.

Der neue Studiengang an der BTU Cottbus-Senftenberg stellt somit einen wichtigen, wenn auch riskanten Schritt im Kampf gegen das Verschwinden der niedersorbischen Sprache dar. Ob diese Bildungsinitiative den dringend benötigten Nachwuchs für den Sprachunterricht an Brandenburger Schulen hervorbringen kann, wird die Zukunft zeigen.