Historischer Namenswechsel in Berlin-Kreuzberg
Der traditionsreiche Blücherplatz am Halleschen Tor in Berlin steht vor einer grundlegenden Veränderung. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat mit grün-rot-roter Mehrheit beschlossen, dass der Platz künftig den Namen von Eva Mamlok tragen soll. Die 1918 geborene Kreuzbergerin jüdischen Glaubens leistete Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime und starb 1944 im Konzentrationslager Stutthof an den Folgen von Zwangsarbeit.
Ehrung einer Widerstandskämpferin
Die Bezirksverwaltung begründet ihre Entscheidung damit, dass mit der neuen Platzbenennung nicht nur die jüdische Widerstandskämpferin Eva Mamlok geehrt werde, sondern darüber hinaus auch der Widerstand von Frauen sowie der jüdischen Bevölkerung insgesamt gewürdigt werden solle. „Der Widerstand gegen die NS-Diktatur kann nicht genug gewürdigt werden“, betonen die Verantwortlichen in ihrer offiziellen Stellungnahme.
Kontroverse um General Blücher
Die geplante Umbenennung stößt jedoch auf erheblichen Widerstand, da der Blücherplatz seit 162 Jahren seinen Namen trägt. In der Begründung des Bezirksamtes findet sich die Aussage, dass General Leberecht von Blücher zu jenen gehöre, die „den Mythos des angeblichen Erzfeindes Frankreich“ begründet hätten, der sich bis in die 1950er Jahre gehalten habe. Kritiker werfen dem Bezirksamt vor, hier eine historisch fragwürdige Darstellung zu verwenden.
General Blücher, der von 1742 bis 1819 lebte, gilt als erfolgreichster preußischer Feldherr aller Zeiten. Er führte die preußischen Truppen in der Völkerschlacht bei Leipzig und in der Schlacht von Waterloo, wo er maßgeblich zur Niederlage Napoleons beitrug. Für seine Verdienste wurde er zum Ehrenbürger mehrerer europäischer Städte ernannt, darunter Frankfurt, Hamburg, London, Oxford und Cambridge.
Politische Fronten verhärten sich
Die Entscheidung des Bezirksamtes fiel mit den Stimmen der Grünen, der SPD und der Linken, während die CDU-Fraktion geschlossen gegen die Umbenennung stimmte. Die Kontroverse zeigt tiefgreifende Differenzen in der Bewertung historischer Persönlichkeiten und ihrer heutigen Bedeutung auf. Befürworter der Umbenennung argumentieren mit der Notwendigkeit, den Widerstand gegen das NS-Regime stärker im öffentlichen Raum zu verankern.
Kritiker hingegen sehen in der Entscheidung eine unangemessene Gegenüberstellung zweier historischer Persönlichkeiten, die unterschiedlichen Epochen angehören und jeweils auf ihre Weise bedeutend waren. Sie betonen, dass die Ehrung Eva Mamloks nicht zwingend die Tilgung des Namens Blücher erfordere, der seit über eineinhalb Jahrhunderten fester Bestandteil der Berliner Stadtgeschichte ist.
Geschichtspolitische Debatte entbrannt
Die Diskussion um den Blücherplatz hat sich zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über den Umgang mit historischen Namen im öffentlichen Raum entwickelt. Während einige die Umbenennung als längst überfällige Korrektur historischer Wahrnehmung sehen, befürchten andere einen Verlust historischer Kontinuität und eine einseitige Geschichtsbetrachtung.
Die Entscheidung des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg wirft grundlegende Fragen auf: Wie gehen wir mit historischen Persönlichkeiten um, deren Wirken aus heutiger Sicht ambivalent erscheint? Wo liegen die Grenzen zwischen notwendiger historischer Korrektur und Geschichtsrevisionismus? Diese Fragen werden die Berliner Stadtgesellschaft noch länger beschäftigen, während der Blücherplatz – oder künftig Eva-Mamlok-Platz – zum Symbol einer grundlegenden geschichtspolitischen Debatte geworden ist.



